Produkt: Professional System 04/2019
Professional System 04/2019
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Akustik & Architektur

Interview: Wie arbeitet ein Fachplaner mit der Raumakustik?

PROFESSIONAL SYSTEM hat Norbert Hönig, Fachplaner für audiovisuelle Medien, zum Interview getroffen und nachgefragt: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Architekten und anderen Gewerken? Wie lässt sich Akustik und moderne Architektur verbinden?

Raumakustik_Fachplaner

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Fachplaner Nobert Hönig liefert Beispiele gelungener, harmonischer Abstimmung von Architektur mit Raum- und Akustik-Design sowie der Beschallung. Außerdem berichtet er über seine Erfahrungen beim Planen von Audioanlagen in moderner Architektur, der Zusammenarbeit mit Architekten und zukünftige Arbeits- und Funktionsräume.

Professional System: Welche Trends in der Architektur gab es in den letzten 10 Jahren? Hatten diese Trends Auswirkungen auf die akustische Konditionierung von Räumen und Auswirkungen auf Beschallung?

Norbert Hönig: Für jeden erkennbar, begegnen wir heute viel Glas und ausgefallenen Geometrien in der Architektur. Nicht nur runde Türme, sondern auch elliptische oder gedrehte bzw. verdrehte Gebäudekonstruktionen. Im mittleren Osten zum Beispiel ist das besonders extrem. Ein Tower muss sich vom anderen unter- scheiden. Es müssen daher immer wieder neue Formen entworfen und realisiert werden. Zylindrische Gebäudeformen sind für Konferenz- oder Veranstaltungsräume nur bedingt tauglich, weil sie sich natürlich auch auf die Geometrie der Räume im Inneren des Gebäudes auswirken.

Es ist deutlich aufwendiger, in solche Geometrien z. B. eine sinnvolle Projektion zu integrieren oder eine funktionierende Beschallung. Wenn sich Bauherr und Architekt Denkmäler setzen wollen, bleibt die Funktion oft auf der Strecke und irgendwann ist ein Ende von Form versus Funktionalität erreicht. Stein und Glas sind beliebte Materialien. Sie sind jedoch schallhart, sie reflektieren und sind damit erst mal problematisch für die Raumakustik, aber auch für die Elektroakustik. Viel Glas in der Fassade bedeutet aber auch hoher Lichteinfall und ist somit erst mal ein Nachteil für eine möglichst kontrastreiche Wiedergabe von Bildinhalten über eine Projektion.

PS: Ist die Arbeit für Sie als Planer in den letzten 10 Jahren einfacher oder komplizierter geworden? Zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Architekten und anderen Gewerken?

Norbert Hönig: An dieser Stelle eine Begriffs-Klärung: Der klassische Akustikplaner beschäftigt sich mit dem Raum respektive der Bauakustik. Raumakustik ist das, was innerhalb eines Raumes passiert. Was macht eine Schallquelle im Raum? – das ist die Frage. Wo reflektiert die Schallquelle, wo braucht man gegebenenfalls zum Beispiel Absorber usw. Der klassische Akustikplaner ist dabei nicht unbedingt für die Elektroakustik zuständig.
 Bauakustik schafft die Bedingungen für die äußeren Gegebenheiten eines Raumes. Dazu gehört zum Beispiel die Dämmung zwischen den Fluren und den Räumen und zwischen den Räumen untereinander. Ich möchte mich als Fachplaner für audiovisuelle Medien bezeichnen. In dieser Funktion arbeite ich mit dem Akustikplaner zusammen, und natürlich mit dem Architekten. Diese Zusammenarbeit ist nicht einfacher geworden. Aber es setzt sich immer mehr das Verständnis durch, dass die Meinung des AV-Planers eine Gewichtung für die Realisation einer funktionierenden Konferenz-Umgebung hat.

Teure Fehlplanungen

PS: Hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Korrektur von Fehlplanungen meist teurer ist als eine von vornherein gründliche Planung in allen Belangen der praktischen Nutzung?

Norbert Hönig: Ja, das ist meist viel teurer. Manchmal auch gar nicht mehr möglich. Aber keiner will es zugeben, d. h. keiner will die Verantwortung für die Versäumnisse bei der initialen Planung übernehmen. Das kann auch mit der Frage zusammenhängen, wer für die Nachbesserung die Kosten übernimmt. Man kann seine Meinung wird gehört. Der Architekt hat in der Regel bei seinem Studium an Vorlesungen zum Thema Akustik teilgenommen. Wenn es seiner kreativen Ambition bei einem Projekt nicht völlig widerspricht, wird er bei überzeugenden Argumenten auch einlenken.

Aber einen Architekten zu überzeugen, dass sein Entwurf unter akustischen Aspekten ungeeignet ist, erfordert gute Argumente, unterfüttert mit Erfahrung. Für solche Diskussionen mit Bauherren habe ich mir im Lauf der Zeit natürlich ein paar Kernsätze zurechtgelegt; zum Beispiel „Wenn Sie ein Architektur-Museum möchten, ist der Architekt zuständig. Wenn Sie jedoch ein funktionierendes Auditorium wollen, sollten Sie meinen Empfehlungen folgen.“ Wenn gar nicht eingelenkt wurde, habe ich gelegentlich auch angekündigt mein Mandat überzeugt werden konnte, ist die Auralisation eine der letzten Maßnahmen um die Forderungen zu untermauern. Hierbei wird der Raum virtuell hörbar gemacht. Nachhall und Echos kriegt man da recht realistisch hin, weitgehend auch die Klangfarbe.

 

Wenn sich Bauherr und Architekt Denkmäler setzen wollen bleibt die Funktion oft auf der Strecke Norbert Hönig

 

PS: Ist Ihre Arbeit in den letzten 10 Jahren durch komplexere Technik und neue gesetzliche Bestimmungen komplizierter geworden?

Norbert Hönig: Der Einsatz von leistungsfähigen DSPs und die Auswahl sowie die richtige Positionierung von geeigneten Lautsprechern können in akustisch schwierigen Umgebungen sehr zur Entschärfung der Situation beitragen, sofern der Planer und vor allem auch der Integrator über die entsprechenden Kenntnisse verfügen. In der Praxis ist es jedoch häufig so: Der Planer engagiert sich, um elektroakustisch aus einer schwierigen Situation das Optimale zu er- zielen. Aber wenn dem Integrator das Know-how fehlt, das System richtig zu parametrieren und einzumessen, kann die Anlage noch so gut sein, der Zweck wird nicht erreicht. Erfahrung und Qualifikation sind von erheblicher Bedeutung; daran hapert es leider manchmal immer noch.

Gesetzliche Bestimmungen betreffen eigentlich nur Evakuierungsanlagen. Da haben wir bis 199 Personen überhaupt keine Auflagen. Wenn wir von Kommunikationsräumen sprechen, sind wir davon also nicht direkt betroffen. Gibt es in einem großen Gebäudekomplex eine Alarmierungsanlage, stammt diese in der Regel vom Elektroplaner. Das sind dann meist Sirenen oder Hörner, aber der Trend geht zur Sprachalarmierung (SAA) und hierfür ist eine Zertifizierung nach DIN VDE 0833-4 / EN-54-16 erforderlich. Für Medienräume ist es in der Regel ausreichend, wenn im Alarmfall von der Brandmeldezentrale ein Signal erfolgt, mit dem die Tonanlage in einem Konferenzraum automatisch stumm geschaltet (gemuted) wird.

PS: Wie sind die Möglichkeiten, eine Medien-Audioanlage gleichzeitig für Evakuierungs-Durchsagen zu nutzen?

Norbert Hönig: Eine hochwertige Medien- Audiobeschallung kann nicht ohne weiteres auch zur Evakuierung ertüchtigt werden. Diese für diese Anforderungen zu modifizieren ist sehr aufwendig. Dies mussten wir in einem Projekt für die Telekom umsetzen. Das war extrem auf- wendig, da die Vorgaben der örtlichen Feuer- wehr vorschrieb, dass noch 70 Stunden nach Stromausfall eine Alarmierungsdurchsage von 10 Minuten möglich sein muss. Man sieht allerdings jüngere Entwicklungen, bei denen es interessante Ansätze für eine Kombination beider Anwendungen gibt. Bose bietet zum Beispiel so etwas für den Hotelbereich an. Aber noch sind diese kombinierten Lösungen eher selten.

Zukunftsperspektiven

PS: Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie: Wie viel wird voraussichtlich neu geplant und gebaut? Wie viel wird renoviert oder restauriert?

Norbert Hönig: Wer kann zuverlässig in die Zukunft schauen? Aktuell laufen sehr viele Projekte bei den Planern und bei den Integratoren. Der Planer arbeitet an einem Projekt mit einem Vorlauf von ca. 2 bis 3 Jahren, d. h., dass die Projekte in dieser Zeitspanne auf den Markt kommen. Für Deutschland sehe ich in diesem Zeitrahmen also noch eine gute Auslastung. Danach ist es schwierig einzuschätzen, denn es hängt von der wirtschaftlichen Entwicklung und Situation in Europa ab. In Europa – auch in Deutschland – haben wir außerdem in unserem Bereich eine gewisse Sättigung an neuen Gebäuden und Räumen. Einen Bedarf sehe ich langfristig eher in der Erneuerung und Modernisierung von Bestandsanlagen. Wenn ich nur an die von mediaplan in den letzten 20 Jahren realisierten Projekte denke, die älter als 10 Jahre sind, so gibt es hier ein umfangreiches Betätigungsfeld. Das Equipment ist häufig veraltet.

Vor 10 Jahren war Digitaltechnik noch relativ in den Anfängen. Es gab die ersten DSPs, die aber jetzt alle allmählich den Dienst quittieren. Auch die Projektoren müssen ausgetauscht werden; die Steuerung muss aktualisiert werden. Viele Medientechnik-Anlagen sind ständig im Einsatz, in- sofern ist auch ein tatsächlicher Bedarf nach Modernisierung vorhanden. Ich sehe in Modernisierung und Renovierung ein sehr großes Potenzial. Eine Rolle spielt auch die Neuordnung der Funkfrequenzen – Stichwort „Digitale Dividende“. Das zwingt bis 2015 alle Betreiber von Funkstrecken – und das sind mehr als 700.000 bekannte Nutzer – ihre Funkmikrofone auszutauschen. Wenn ich mich mit den Betreffenden darüber unterhalte stellt sich heraus, dass auch ein Teil der Technik ausgetauscht werden sollte, der „hinter den Funkmikrofonen“ arbeitet.

PS: Auf welchen Gebäuden und Räumen liegt zukünftig voraussichtlich der Schwerpunkt? Auf Konferenz-Räumen?

Norbert Hönig: Das hängt nicht zuletzt von der zukünftigen Entwicklung der Arbeitswelt ab. Begriffe, die da gern genannt werden sind Arbeitsplatz-Sharing oder Homeoffice. Ein Teil der Arbeitswelt sieht so aus, dass sich immer weniger Mitarbeiter in Gruppen zusammenfinden. Dezentrale Technik ist hier ein Stichwort, Kommunikation über Smartphones, Skype, Videokonferenzen usw. Das hat jetzt schon einen hohen Stellenwert. Aus meiner Sicht wird man dadurch aber die Situation, dass Menschen real zusammenkommen – für Vorträge, Konferenzen, Weiterbildung – nicht ganz ersetzen können.

Funktionsräume, die das ermöglichen, werden aus meiner Sicht noch lange gefragt sein. Es ist natürlich auch eine Generationsfrage. Aber es gibt z. B. Untersuchungen, dass eine Videokonferenz nicht nur positive Aspekte hat. Sie können bestimmte Abläufe nur kommunizieren, ausarbeiten, beschließen, wenn Sie mit den Beteiligten zusammen sind und deren Mimik bzw. Körpersprache erleben. Auch Vertragsabschlüsse können nur Face-to-face final verhandelt werden.

PS: Was erwarten Sie für Akustikdesign und Beschallung? Welche Auftragslage ist zu erwarten? Welche speziellen Anforderungen könnten auf Akustik-Planer zukommen?

Norbert Hönig: Aufgrund des nach wie vor hohen Kommunikationsbedarfs und durch die nach wie vor fortschreitende Innovation in der Technik sehe ich auch weiterhin eine gute Nachfrage, vor allem im hochwertigen Segment der Akustik. Fachwissen ist unabdingbar. Die an einem Projekt beteiligten Protagonisten müssten sich endlich einmal auf angemessene Konditionen verständigen, und ihr Know-how nicht unter Preis abgeben.

Noch wichtiger für die Planer wird in Zukunft die ständige Weiterbildung werden, damit man mit den Anforderungen mitgehen kann. Aber Weiterbildung gibt es ja nicht kostenlos. Diese wichtige Investition in Qualifizierung muss auch verdient werden. Es ist zum Beispiel unverständlich, zu welchen Konditionen einige Integratoren ihre Arbeit anbieten. Wie soll da Geld verdient werden – um auch wieder in zukunftsorientierte Weiterbildung zu investieren? Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den ich schon wiederholt in Vorträgen abgehandelt habe. Es ist extrem wichtig, dass wir unser Business weiter vor allem nach außen qualifizieren. Viele Hersteller haben jetzt eigene „Akademien“, machen Zertifizierungen, und ein Planer kann in der Ausschreibung nach diesen Zertifizierungen fragen. Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

Sie interessieren sich für Raumakustik und Beschallung? Dann lesen Sie in unseren Grundlagenartikeln über relevantes Basiswissen, Trends und Entwicklungen in der Branche! Auch für Sie interessant: KommunikationsRaum


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