Auracast ist aktuell eines der spannendsten Themen in der Audio- und Systemintegration. Der neue Bluetooth-Broadcast-Standard verspricht flexible, skalierbare und barrierefreie Audioübertragung für Bildungsräume, Konferenzumgebungen, den öffentlichen Verkehr, Stadien oder Entertainment-Locations. In der neuen Episode von AVcon Pulse ordnet Dirk Zimmermann, Business Development Manager bei MIPRO, den Status der Technologie ein und erklärt, warum 2026 ein entscheidendes Jahr werden dürfte.
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Von Bluetooth Classic zu LE Audio – und schließlich Auracast
Bluetooth hat seit 1998 einen langen Weg hinter sich. Mit der Version 5.2 und dem LC3-Codec wurde LE Audio eingeführt – die Grundlage für Auracast. Der entscheidende Schritt: Auracast ermöglicht Broadcast-Audio statt Punkt-zu-Punkt-Verbindungen. Damit lassen sich Veranstaltungen, Vorträge oder Informationen direkt an beliebig viele kompatible Geräte übertragen.
So funktioniert Auracast in der Praxis
Der Ablauf ist einfach: Ein Sender stellt einen Broadcast bereit, Endgeräte empfangen diesen direkt – ohne Smartphone als Übertragungsstation. Per QR-Code oder Kanalwahl verbinden sich Nutzerinnen und Nutzer mit dem Stream. Kopfhörer, In-Ear-Systeme und zunehmend auch Hörgeräte unterstützen diese Technologie bereits.
Reichweiten: Von Stadien bis Freiflächen
Tests zeigen, dass moderne Auracast-Sender im Freifeld bis zu 400 Meter erreichen können. In Innenräumen hängen die Werte von baulichen Gegebenheiten ab, bleiben aber in der Regel deutlich über klassischen Bluetooth-Distanzen.
Erste großflächige Einsatzgebiete
Die Technologie kommt längst im Alltag an. Beispiele aus dem Gespräch:
Münchner Otto-Steiner-Schulen: 84 Klassenräume, jeweils mit Auracast-Sendern ausgestattet.
Karlsruher Institut für Technologie: Hörsäle erhalten Auracast-Unterstützung.
ÖPNV: München hat 90 neue S-Bahnen bestellt – alle sollen Auracast nutzen. Auch Kongressformate profitieren zunehmend, da viele Besucher mit kompatiblen Geräten anreisen.
Das Gesetz, das seit Juni 2025 gilt, verpflichtet zahlreiche Dienstleister und Produktanbieter, barrierefreie Lösungen anzubieten – auch im auditiven Bereich. Flughäfen, Busse, Bahnhöfe, öffentliche Einrichtungen und viele weitere Orte müssen in Zukunft entsprechende Technologien bereitstellen. Auracast kann hier zu einer zentralen Lösung werden.
Wie schnell verbreitet sich Auracast wirklich?
Marktzahlen aus dem Bluetooth-Umfeld zeigen eine klare Richtung:
450 Millionen LE-Audio-fähige Kopfhörer sind bereits im Umlauf.
Bis 2028 sollen es 3 Milliarden kompatible Audiogeräte sein.
90 % aller Smartphones unterstützen voraussichtlich bis 2027 LE Audio.
Erste Hörgerätehersteller schalten Auracast bereits frei.
Auracast wird damit kein Nischenthema bleiben, sondern ein Massenmarkt.
Relevanz für Planer und Integratoren
Laut Zimmermann sollte Auracast heute bereits fester Bestandteil der technischen Planung sein. Viele Normen (z. B. DIN 18041) fordern barrierefreie Hörunterstützung – statt Schleifenverlegung könnte künftig ein Sender ausreichen. Zudem sinkt der Installationsaufwand erheblich.
Ausblick auf die ISE 2026
Zur nächsten ISE erwartet Zimmermann unter anderem:
hybride Systeme (Schleifenverstärker + Auracast in einem Gerät)
vernetzte Auracast-Sender für große Räume
mobile Empfänger und Sender
Lade- und Netzwerkstationen für Campus-Installationen
Simulationssoftware zur Planung von Senderanzahl und Abdeckung
Fazit
Auracast wird die Audio-Übertragung in den nächsten Jahren grundlegend verändern. Die Technologie ist praxistauglich, gesetzlich relevant und in ersten Branchen bereits angekommen. Mit den kommenden Produktgenerationen dürfte sich die Verbreitung deutlich beschleunigen.
Hier sind ein paar Anmerkungen und Korrekturen notwendig:
Die Reichweite von Auracast beträgt nicht 400m, sondern laut Bluetooth-SIG ist es gerade einmal ein Umkreis von etwa 30m (https://www.bluetooth.com/blog/answers-to-commonly-asked-questions-about-auracast-broadcast-audio/?utm_source=hearingtracker.com „What is the range of an Auracast™ broadcast?“: Antwort 30.000 square feet, das entspricht einem Kreisradiues von weniger als 30m). Diese 30m werden auch noch bei Wettereinfluss erheblich reduziert. Die 400m stammen wohl von einem Versuch mit einem hochempfindlichen Empfänger in einem störungsfreiem Gebiet in den USA und stellen den Durchmesser, nicht den Radius des Sendekreises dar. In den USA sind übrignes 100mW (+20dBm) Sendeleistung zulässig, in der EU jedoch nur 10mW (+10dBm). Auch nachzulesen im Datenblatt der professionellen Transmitter. Um also größere Bereiche wie Flughäfen, Bahnhöfen etc. abzudecken, sind riesige Netzwerke von Transmittern notwendig.
Auracast ist entgegen der Behauptung nicht barrierefrei, es wird immer ein Smartphone benötigt, um das Empfangsgerät (Kopfhörer, Lautsprecher oder Hörsystem) auf den gewünscht Sender/Stream einzustellen. Auch muss über das Smartphone ggf. ein Passwort eingegegeben oder ein Barcode eingescannt werden. §4 Behindertengleichstellungsgesetz definiert die Barrierefreiheit. Er besagt, dass Menschen mit Behinderung nur seine behinderungsbedingten Hilfsmittel mitbringen müssen, alles andere muss vom Einrichtungsbetreiber gestellt werden, und zwar in der üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe.
Gehbehinderte müssen also nur ihren Rollstuhl/Rollator mitbringen, nicht aber eine Rampe. Blinde nur ihren Blindenstock/Blindenhund, nicht aber eine Hilfsjraft, die Blindenleitlinien verlegt. Und Schwerhörige nur ihre Hörsysteme. Ein Smartphone ist kein behinderungsbedingtes Hilfsmittel, sonst müßte es die Krankenkasse bezahlen. Auch Ausleihen eines Empfangsgerätes ist nicht barrierefrei und widerspricht sogar dem §9 DSGVO (Datenschutzgrundverordnung), ein Zwangsouten als schwerhörig ist ein no-go, denn es verletzt das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung.
Nicht erwähnt wird übrigens, dass es zwei verschiedene Varianten von Auracast in Hörsystemen gibt, die sich darin unterscheiden, wer wie nach den Sendern/Streams scannt:
• Fremdscanner: sie benötigen ein Auracast-fähiges Smartphone, das im Bluetooth-Menü den Auracast-Assistenten des Smartphone-Herstellers, der nach Sender/Stream scannt und das Ergebnis visualsiert. Erst nach dann wird das Hörsystem auf den gewünschten Stream geschaltet.
• Selbstscanner: sie benötigen die Fernsteuer-App des Hörsystem-Herstellers mit einer Auracast-Seite. Hier wird das Hörsystem zum scannen nach Sender/Streams veranlasst und auf dem Smartphone wird das Ergebnis visualisiert.
Auf dem DSB-Regionaltag in Ulm 2025 war der dort anwesende Auracast-Vertreter nicht in der Lage, meine Auracast-fähigen Hörsysteme auf seinen Auracast-Stream zu schalten. Das sagt wohl alles über die Bedienfreundlichkeit und Barrierefreiheit dieser Technik. Wenn schon ein Auracast-Vertreter dies nicht hinbekommt, wie soll das dann das Hauspersonal eines Vorstadt-Theaters bewältigen oder eine 80-jährige Dame?
Ein weiteres Problem ist die Latenz des Systems von etwas 30-80ms. Dies führt zu zweierlei negativen Effekten beim Life-Hören in Veranstaltungen:
• Je nach Hörsystem-Konfiguration gibt Echo und Hall-Effekte, die bekanntlich die Sprachverständlichkeit reduzieren
• Für Schwerhörige ist das Zwei-Sinne-Prinzip sehr wichtig. Sie ergänzen und korrigieren ihre beeinträchtigte auditive Wahrnehmung durch visuelle Informationen: Mundabsehen, Mimik, Gestik, Körpersprache. Die visuellen Informationen kommen sofort mit Lichtgeschwindigkeit. Wenn nun aber die zugehörigen Buchstaben wegen der Latenz später eintreffen, dann müssen die auseinanderklaffenden Eindrücke müssen erst noch im Gehirn synchronisiert werden. Früher oder später wird ein Kipp-Punkt erreicht und es gelingt nicht mehr. Dann kann der McGurk-Effekt eintreten: stimmen gesehner Buchstabe und gehörter Buchstabe nicht überein, laviert das Gehirn dazwischen und erfinden einen dritten Buchstaben. (Wer es ausprobieren möchte, der schaue die Beispiele auf Youtube unter Stickwort McGurk an.) Dann tritt auch der Kaskadeneffekt ein und das ganze Wort kann nicht mehr entschlüsselt werden, dann der ganze Satz.
Schwerhörige verstehen nichts mehr, geraten unter gesundheitgefährdendem Hörstress und ziehen sich zurück.
Und noch ein weiteres Problem hat Auracast: im Gegensatz zu allen anderen Höranlagen-Typen ist es sehr einfach von Hackern mit einem Fake-Sender angreifbar. Der besteht aus einem normalen Notebook, einem USB-Stick für Bluetooth-Entwickler, der zugehörigen Software und ein paar im Internet nachlesbaren Steuerbefehlen. Mithilfe ganz offizieller Bluetooth-Befehlen werden alle Zuhörer vom offiziellen Sender weg auf den Fake-Sender umgeleitet. (https://media.ccc.de/v/38c3-auracast-breaking-broadcast-le-audio-before-it-hits-the-shelves#l=deu&t=1704)
Und nun kann mithilfe des Fake-Senders durch entsprechende Durchsagen z.B. auf Flughäfen, Bahnhöfen oder öffentlichen Großveranstaltungen Panik ausgelöst werden. Auracast wird wohl deshalb aus Sicherheitsgründen nicht im öffentlichen Bereich eingesetzt werden können.
Diese meine Einschätzungen und eine Reihe weiterer Probleme von Auracast sind übrigens von einem hochrangigen Ingenieur eines Hörgeräteherstellers mir gegenüber vollumfänglich bestätigt worden. Sie sind auch der Bluetooth-SIG bekannt.
Ich habe allerdings nichts gegen Auracast als Zweitsystem neben einem tatsächlich barrierefreien und niederschwelligen System wie die Induktions-Technik, denn für das Teilen von Musik ist es durchaus tauglich, denn es ersetzt das Y-Kabel, wie Chuck Sabin (Bluetooth-SIG) sagte.
Vielen Dank für Ihren ausführlichen und engagierten Kommentar.
Er zeigt, dass Auracast intensiv und kritisch diskutiert wird – was bei einer noch jungen Technologie weder ungewöhnlich noch negativ ist. Mehrere Ihrer Punkte sind berechtigt, andere benötigen jedoch eine technische Einordnung und Kontextualisierung.
1. Reichweite von Auracast
Sie haben recht: Die von der Bluetooth SIG häufig genannte Referenzgröße von ca. 30.000 square feet entspricht in etwa einem Radius von rund 30 m unter typischen Innenraumbedingungen.
Wichtig ist jedoch die Einordnung:
• Diese Angabe stellt keine technische Obergrenze, sondern einen konservativen Praxis-Richtwert dar.
• Die tatsächliche Reichweite hängt u. a. ab von:
o Sendeleistung (EU: +10 dBm, USA: +20 dBm),
o Antennendesign und -position,
o Installationshöhe,
o Gebäudestruktur und Abschattung,
o Störpegel und Kanalbelegung.
Zur Klarstellung:
Die häufig zitierten größeren Reichweiten stammen nicht aus US-Laborversuchen, sondern aus einer realen Freifeldmessung in der Nähe von Kamen (NRW):
• Sender: OPUS AuraGate (EU-konform, +10 dBm)
• Empfänger: Eppfun Auracast-Kopfhörer (Consumer-Gerät, ca. 49 €)
• Umgebung: Freifeld, keine Spezialantennen, kein Messequipment
Ergebnisse:
• Sichtkontakt: stabile Verbindung bis ca. 350–400 m
• Abschattung (Körper zwischen Sender und Empfänger): ca. 100–150 m
Das sind keine außergewöhnlichen oder „aufregenden“ Werte, sondern realistische Ergebnisse unter günstigen Bedingungen – vergleichbar mit WLAN- oder PMSE-Systemen im Freifeld.
Selbstverständlich gilt: In Gebäuden oder komplexen Umgebungen sind – wie bei jeder Funktechnik – zonenbasierte Installationen mit mehreren Sendern erforderlich. Das ist Stand der Technik und kein spezifisches Defizit von Auracast.
2. Barrierefreiheit & Smartphone-Nutzung
Der Punkt ist wichtig und wird in der Branche offen diskutiert.
Richtig ist:
• Der Erstzugang zu einem Auracast-Stream erfolgt heute häufig über ein Smartphone (QR-Code, Auswahlmenü, PIN).
Ebenso richtig ist:
• Auracast ist kein monolithisches System, sondern ein offenes, sich weiterentwickelndes Ökosystem.
• Bereits heute existieren:
o dedizierte Hardware-Empfänger ohne Smartphone,
o Preset- und Auto-Join-Mechanismen in Hörsystemen,
o vom Betreiber bereitgestellte Empfänger, vergleichbar mit FM- oder IR-Anlagen.
Auracast ist damit nicht zwingend als alleinige Lösung gedacht, sondern als ergänzender Zugang, insbesondere für Menschen ohne T-Spule oder mit modernen Consumer-Endgeräten.
3. BGG, „Zwangsouting“ & DSGVO
Auracast ist empfangsseitig:
• anonym,
• ohne Rückkanal,
• ohne Identifikation oder Anmeldung.
Das bloße Nutzen eines Empfangsgeräts stellt keine personenbezogenen Daten im Sinne der DSGVO dar.
Auch heute ist das Ausleihen von Hörassistenz-Empfängern gängige Praxis und kein rechtliches Novum.
Der Anspruch der Barrierefreiheit bezieht sich auf den Zugang, nicht zwingend auf eine einzige technische Lösung. In der Praxis werden auch heute mehrere Systeme paralleleingesetzt.
4. Scanner-Varianten in Hörsystemen
Die Unterscheidung zwischen Fremdscanner und Selbstscanner ist fachlich korrekt.
Allerdings handelt es sich hierbei:
• nicht um ein grundsätzliches Problem von Auracast,
• sondern um herstellerspezifische Implementierungen in einer frühen Marktphase.
Vergleichbare Unterschiede gab es auch bei:
• frühen Bluetooth-Headsets,
• T-Spulen-Apps,
• Streaming-Schnittstellen von Hörsystemen.
Die Bluetooth SIG hat Auracast bewusst offen spezifiziert, um Innovation zu ermöglichen – was in der Anfangsphase zwangsläufig zu heterogenen Bedienkonzepten führt.
5. Praxisbeispiel Ulm
Ein konkreter Vorfall auf einer Veranstaltung ist bedauerlich, stellt jedoch keinen belastbaren Maßstab für die grundsätzliche Tauglichkeit einer Technologie dar.
Vergleichbare Probleme kennen wir seit Jahrzehnten auch von:
• Induktionsanlagen (falscher Pegel),
• FM-Systemen (falscher Kanal),
• IR-Systemen (Sichtkontakt verloren).
Bedienfreundlichkeit ist das Ergebnis von:
• Schulung,
• Standardisierung,
• Erfahrung,
• Reife der Produkte.
6. Latenz – technische und physikalische Einordnung
Die genannten Latenzen von ca. 30–80 ms sind realistisch und transparent dokumentiert.
Wichtig ist hier jedoch der physikalische Kontext:
• Schall breitet sich mit ca. 343 m/s aus.
• Bereits ein Abstand von rund 10 m zum Lautsprecher verursacht eine Schalllaufzeit von ca. 29–30 ms.
• Bei 20 m Abstand sind es ~60 ms, bei 30 m ~90 ms – ganz ohne Funktechnik.
Mit anderen Worten:
Ein erheblicher Teil der diskutierten Latenzen entsteht in realen Räumen bereits durch die Physik.
Diese Effekte betreffen seit jeher:
• Kirchen,
• Theater,
• Hörsäle,
• Open-Air-Beschallungen.
Auracast bewegt sich hier im gleichen Rahmen wie digitale Hörsystem-Verarbeitung, FM-/DM-Systeme oder DSP-basierte Beschallung.
Der McGurk-Effekt ist real – aber kein Auracast-spezifisches Phänomen, sondern ein generelles Thema aller drahtlosen Hörübertragungen.
7. Sicherheit und Fake-Sender
Der verlinkte CCC-Vortrag ist bekannt und wichtig. Dazu eine Einordnung:
• Die beschriebenen Angriffe beziehen sich auf frühe Implementierungen und offene Testkonfigurationen.
• Auracast unterstützt:
o verschlüsselte Broadcasts (BIS-Encryption),
o Broadcast Codes / Zugriffsbeschränkungen,
o Management- und Kontrollmechanismen auf Infrastruktur-Ebene.
Sicherheitsfragen sind kein Argument gegen Auracast, sondern Teil des normalen Reifeprozesses – vergleichbar mit WLAN, Mobilfunk oder DAB in deren Anfangszeit.
8. Fazit
Auracast ist:
• kein Allheilmittel,
• kein sofortiger Ersatz für alle bestehenden Höranlagen,
• aber ein wichtiger zusätzlicher Baustein für barrierearme Audioverteilung.
Der aktuelle Konsens in der Fachwelt lautet:
Koexistenz statt Entweder-oder.
Übrigens, die Schweiz geht hier bereits schon jetzt einen pragmatischen Weg: Bewährte Induktion bleibt – Auracast kommt ergänzend hinzu.
Induktionsanlagen, FM/DM, IR und Auracast haben jeweils ihre Berechtigung – abhängig von Anwendung, Zielgruppe und Umfeld.
Vielen Dank für die sachliche Diskussion. Sie ist notwendig, um neue Technologien realistisch, verantwortungsvoll und nutzerorientiert weiterzuentwickeln.
Hier sind ein paar Anmerkungen und Korrekturen notwendig:
Die Reichweite von Auracast beträgt nicht 400m, sondern laut Bluetooth-SIG ist es gerade einmal ein Umkreis von etwa 30m (https://www.bluetooth.com/blog/answers-to-commonly-asked-questions-about-auracast-broadcast-audio/?utm_source=hearingtracker.com „What is the range of an Auracast™ broadcast?“: Antwort 30.000 square feet, das entspricht einem Kreisradiues von weniger als 30m). Diese 30m werden auch noch bei Wettereinfluss erheblich reduziert. Die 400m stammen wohl von einem Versuch mit einem hochempfindlichen Empfänger in einem störungsfreiem Gebiet in den USA und stellen den Durchmesser, nicht den Radius des Sendekreises dar. In den USA sind übrignes 100mW (+20dBm) Sendeleistung zulässig, in der EU jedoch nur 10mW (+10dBm). Auch nachzulesen im Datenblatt der professionellen Transmitter. Um also größere Bereiche wie Flughäfen, Bahnhöfen etc. abzudecken, sind riesige Netzwerke von Transmittern notwendig.
Auracast ist entgegen der Behauptung nicht barrierefrei, es wird immer ein Smartphone benötigt, um das Empfangsgerät (Kopfhörer, Lautsprecher oder Hörsystem) auf den gewünscht Sender/Stream einzustellen. Auch muss über das Smartphone ggf. ein Passwort eingegegeben oder ein Barcode eingescannt werden. §4 Behindertengleichstellungsgesetz definiert die Barrierefreiheit. Er besagt, dass Menschen mit Behinderung nur seine behinderungsbedingten Hilfsmittel mitbringen müssen, alles andere muss vom Einrichtungsbetreiber gestellt werden, und zwar in der üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe.
Gehbehinderte müssen also nur ihren Rollstuhl/Rollator mitbringen, nicht aber eine Rampe. Blinde nur ihren Blindenstock/Blindenhund, nicht aber eine Hilfsjraft, die Blindenleitlinien verlegt. Und Schwerhörige nur ihre Hörsysteme. Ein Smartphone ist kein behinderungsbedingtes Hilfsmittel, sonst müßte es die Krankenkasse bezahlen. Auch Ausleihen eines Empfangsgerätes ist nicht barrierefrei und widerspricht sogar dem §9 DSGVO (Datenschutzgrundverordnung), ein Zwangsouten als schwerhörig ist ein no-go, denn es verletzt das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung.
Nicht erwähnt wird übrigens, dass es zwei verschiedene Varianten von Auracast in Hörsystemen gibt, die sich darin unterscheiden, wer wie nach den Sendern/Streams scannt:
• Fremdscanner: sie benötigen ein Auracast-fähiges Smartphone, das im Bluetooth-Menü den Auracast-Assistenten des Smartphone-Herstellers, der nach Sender/Stream scannt und das Ergebnis visualsiert. Erst nach dann wird das Hörsystem auf den gewünschten Stream geschaltet.
• Selbstscanner: sie benötigen die Fernsteuer-App des Hörsystem-Herstellers mit einer Auracast-Seite. Hier wird das Hörsystem zum scannen nach Sender/Streams veranlasst und auf dem Smartphone wird das Ergebnis visualisiert.
Auf dem DSB-Regionaltag in Ulm 2025 war der dort anwesende Auracast-Vertreter nicht in der Lage, meine Auracast-fähigen Hörsysteme auf seinen Auracast-Stream zu schalten. Das sagt wohl alles über die Bedienfreundlichkeit und Barrierefreiheit dieser Technik. Wenn schon ein Auracast-Vertreter dies nicht hinbekommt, wie soll das dann das Hauspersonal eines Vorstadt-Theaters bewältigen oder eine 80-jährige Dame?
Ein weiteres Problem ist die Latenz des Systems von etwas 30-80ms. Dies führt zu zweierlei negativen Effekten beim Life-Hören in Veranstaltungen:
• Je nach Hörsystem-Konfiguration gibt Echo und Hall-Effekte, die bekanntlich die Sprachverständlichkeit reduzieren
• Für Schwerhörige ist das Zwei-Sinne-Prinzip sehr wichtig. Sie ergänzen und korrigieren ihre beeinträchtigte auditive Wahrnehmung durch visuelle Informationen: Mundabsehen, Mimik, Gestik, Körpersprache. Die visuellen Informationen kommen sofort mit Lichtgeschwindigkeit. Wenn nun aber die zugehörigen Buchstaben wegen der Latenz später eintreffen, dann müssen die auseinanderklaffenden Eindrücke müssen erst noch im Gehirn synchronisiert werden. Früher oder später wird ein Kipp-Punkt erreicht und es gelingt nicht mehr. Dann kann der McGurk-Effekt eintreten: stimmen gesehner Buchstabe und gehörter Buchstabe nicht überein, laviert das Gehirn dazwischen und erfinden einen dritten Buchstaben. (Wer es ausprobieren möchte, der schaue die Beispiele auf Youtube unter Stickwort McGurk an.) Dann tritt auch der Kaskadeneffekt ein und das ganze Wort kann nicht mehr entschlüsselt werden, dann der ganze Satz.
Schwerhörige verstehen nichts mehr, geraten unter gesundheitgefährdendem Hörstress und ziehen sich zurück.
Und noch ein weiteres Problem hat Auracast: im Gegensatz zu allen anderen Höranlagen-Typen ist es sehr einfach von Hackern mit einem Fake-Sender angreifbar. Der besteht aus einem normalen Notebook, einem USB-Stick für Bluetooth-Entwickler, der zugehörigen Software und ein paar im Internet nachlesbaren Steuerbefehlen. Mithilfe ganz offizieller Bluetooth-Befehlen werden alle Zuhörer vom offiziellen Sender weg auf den Fake-Sender umgeleitet. (https://media.ccc.de/v/38c3-auracast-breaking-broadcast-le-audio-before-it-hits-the-shelves#l=deu&t=1704)
Und nun kann mithilfe des Fake-Senders durch entsprechende Durchsagen z.B. auf Flughäfen, Bahnhöfen oder öffentlichen Großveranstaltungen Panik ausgelöst werden. Auracast wird wohl deshalb aus Sicherheitsgründen nicht im öffentlichen Bereich eingesetzt werden können.
Diese meine Einschätzungen und eine Reihe weiterer Probleme von Auracast sind übrigens von einem hochrangigen Ingenieur eines Hörgeräteherstellers mir gegenüber vollumfänglich bestätigt worden. Sie sind auch der Bluetooth-SIG bekannt.
Ich habe allerdings nichts gegen Auracast als Zweitsystem neben einem tatsächlich barrierefreien und niederschwelligen System wie die Induktions-Technik, denn für das Teilen von Musik ist es durchaus tauglich, denn es ersetzt das Y-Kabel, wie Chuck Sabin (Bluetooth-SIG) sagte.
Vielen Dank für Ihren ausführlichen und engagierten Kommentar.
Er zeigt, dass Auracast intensiv und kritisch diskutiert wird – was bei einer noch jungen Technologie weder ungewöhnlich noch negativ ist. Mehrere Ihrer Punkte sind berechtigt, andere benötigen jedoch eine technische Einordnung und Kontextualisierung.
1. Reichweite von Auracast
Sie haben recht: Die von der Bluetooth SIG häufig genannte Referenzgröße von ca. 30.000 square feet entspricht in etwa einem Radius von rund 30 m unter typischen Innenraumbedingungen.
Wichtig ist jedoch die Einordnung:
• Diese Angabe stellt keine technische Obergrenze, sondern einen konservativen Praxis-Richtwert dar.
• Die tatsächliche Reichweite hängt u. a. ab von:
o Sendeleistung (EU: +10 dBm, USA: +20 dBm),
o Antennendesign und -position,
o Installationshöhe,
o Gebäudestruktur und Abschattung,
o Störpegel und Kanalbelegung.
Zur Klarstellung:
Die häufig zitierten größeren Reichweiten stammen nicht aus US-Laborversuchen, sondern aus einer realen Freifeldmessung in der Nähe von Kamen (NRW):
• Sender: OPUS AuraGate (EU-konform, +10 dBm)
• Empfänger: Eppfun Auracast-Kopfhörer (Consumer-Gerät, ca. 49 €)
• Umgebung: Freifeld, keine Spezialantennen, kein Messequipment
Ergebnisse:
• Sichtkontakt: stabile Verbindung bis ca. 350–400 m
• Abschattung (Körper zwischen Sender und Empfänger): ca. 100–150 m
Das sind keine außergewöhnlichen oder „aufregenden“ Werte, sondern realistische Ergebnisse unter günstigen Bedingungen – vergleichbar mit WLAN- oder PMSE-Systemen im Freifeld.
Selbstverständlich gilt: In Gebäuden oder komplexen Umgebungen sind – wie bei jeder Funktechnik – zonenbasierte Installationen mit mehreren Sendern erforderlich. Das ist Stand der Technik und kein spezifisches Defizit von Auracast.
2. Barrierefreiheit & Smartphone-Nutzung
Der Punkt ist wichtig und wird in der Branche offen diskutiert.
Richtig ist:
• Der Erstzugang zu einem Auracast-Stream erfolgt heute häufig über ein Smartphone (QR-Code, Auswahlmenü, PIN).
Ebenso richtig ist:
• Auracast ist kein monolithisches System, sondern ein offenes, sich weiterentwickelndes Ökosystem.
• Bereits heute existieren:
o dedizierte Hardware-Empfänger ohne Smartphone,
o Preset- und Auto-Join-Mechanismen in Hörsystemen,
o vom Betreiber bereitgestellte Empfänger, vergleichbar mit FM- oder IR-Anlagen.
Auracast ist damit nicht zwingend als alleinige Lösung gedacht, sondern als ergänzender Zugang, insbesondere für Menschen ohne T-Spule oder mit modernen Consumer-Endgeräten.
3. BGG, „Zwangsouting“ & DSGVO
Auracast ist empfangsseitig:
• anonym,
• ohne Rückkanal,
• ohne Identifikation oder Anmeldung.
Das bloße Nutzen eines Empfangsgeräts stellt keine personenbezogenen Daten im Sinne der DSGVO dar.
Auch heute ist das Ausleihen von Hörassistenz-Empfängern gängige Praxis und kein rechtliches Novum.
Der Anspruch der Barrierefreiheit bezieht sich auf den Zugang, nicht zwingend auf eine einzige technische Lösung. In der Praxis werden auch heute mehrere Systeme paralleleingesetzt.
4. Scanner-Varianten in Hörsystemen
Die Unterscheidung zwischen Fremdscanner und Selbstscanner ist fachlich korrekt.
Allerdings handelt es sich hierbei:
• nicht um ein grundsätzliches Problem von Auracast,
• sondern um herstellerspezifische Implementierungen in einer frühen Marktphase.
Vergleichbare Unterschiede gab es auch bei:
• frühen Bluetooth-Headsets,
• T-Spulen-Apps,
• Streaming-Schnittstellen von Hörsystemen.
Die Bluetooth SIG hat Auracast bewusst offen spezifiziert, um Innovation zu ermöglichen – was in der Anfangsphase zwangsläufig zu heterogenen Bedienkonzepten führt.
5. Praxisbeispiel Ulm
Ein konkreter Vorfall auf einer Veranstaltung ist bedauerlich, stellt jedoch keinen belastbaren Maßstab für die grundsätzliche Tauglichkeit einer Technologie dar.
Vergleichbare Probleme kennen wir seit Jahrzehnten auch von:
• Induktionsanlagen (falscher Pegel),
• FM-Systemen (falscher Kanal),
• IR-Systemen (Sichtkontakt verloren).
Bedienfreundlichkeit ist das Ergebnis von:
• Schulung,
• Standardisierung,
• Erfahrung,
• Reife der Produkte.
6. Latenz – technische und physikalische Einordnung
Die genannten Latenzen von ca. 30–80 ms sind realistisch und transparent dokumentiert.
Wichtig ist hier jedoch der physikalische Kontext:
• Schall breitet sich mit ca. 343 m/s aus.
• Bereits ein Abstand von rund 10 m zum Lautsprecher verursacht eine Schalllaufzeit von ca. 29–30 ms.
• Bei 20 m Abstand sind es ~60 ms, bei 30 m ~90 ms – ganz ohne Funktechnik.
Mit anderen Worten:
Ein erheblicher Teil der diskutierten Latenzen entsteht in realen Räumen bereits durch die Physik.
Diese Effekte betreffen seit jeher:
• Kirchen,
• Theater,
• Hörsäle,
• Open-Air-Beschallungen.
Auracast bewegt sich hier im gleichen Rahmen wie digitale Hörsystem-Verarbeitung, FM-/DM-Systeme oder DSP-basierte Beschallung.
Der McGurk-Effekt ist real – aber kein Auracast-spezifisches Phänomen, sondern ein generelles Thema aller drahtlosen Hörübertragungen.
7. Sicherheit und Fake-Sender
Der verlinkte CCC-Vortrag ist bekannt und wichtig. Dazu eine Einordnung:
• Die beschriebenen Angriffe beziehen sich auf frühe Implementierungen und offene Testkonfigurationen.
• Auracast unterstützt:
o verschlüsselte Broadcasts (BIS-Encryption),
o Broadcast Codes / Zugriffsbeschränkungen,
o Management- und Kontrollmechanismen auf Infrastruktur-Ebene.
Sicherheitsfragen sind kein Argument gegen Auracast, sondern Teil des normalen Reifeprozesses – vergleichbar mit WLAN, Mobilfunk oder DAB in deren Anfangszeit.
8. Fazit
Auracast ist:
• kein Allheilmittel,
• kein sofortiger Ersatz für alle bestehenden Höranlagen,
• aber ein wichtiger zusätzlicher Baustein für barrierearme Audioverteilung.
Der aktuelle Konsens in der Fachwelt lautet:
Koexistenz statt Entweder-oder.
Übrigens, die Schweiz geht hier bereits schon jetzt einen pragmatischen Weg: Bewährte Induktion bleibt – Auracast kommt ergänzend hinzu.
Induktionsanlagen, FM/DM, IR und Auracast haben jeweils ihre Berechtigung – abhängig von Anwendung, Zielgruppe und Umfeld.
Vielen Dank für die sachliche Diskussion. Sie ist notwendig, um neue Technologien realistisch, verantwortungsvoll und nutzerorientiert weiterzuentwickeln.
Dirk Zimmermann