Education

Online-Campus in Hameln: Transformation eines Bildungszentrums

Die Corona-Pandemie ist zwar längst vorbei, doch sie hat Entwicklungen beschleunigt, die bis heute prägen – vor allem den Trend zu digitaler Bildung. Immer mehr Menschen wollen ortsunabhängig und flexibel lernen. Um zu sehen, wie das in der Praxis aussieht, haben wir uns auf den Weg nach Niedersachsen gemacht – in eine Stadt, deren immaterielles Kulturerbe sich um ein Nagetier rankt und in der folgerichtig nicht das Musical „Cats“, sondern „Rats“ auf die Bühne gebracht wird: die Rattenfängerstadt Hameln. Unser Ziel: der Online-Campus des TA Bildungszentrums in Hameln-Wangelist.

Man an Schreibtisch vor grüner Wand(Bild: Michael von Aichberger)

Das TA Bildungszentrum wurde 1992 gegründet. Aus der einst technischen Ausrichtung ist längst ein breites Weiterbildungsangebot in Wirtschaft, Management und Handwerk geworden. Mit Standorten in Hameln und Hannover zählt die TA heute zu den größten privaten Bildungseinrichtungen Deutschlands. Die Fortbildungen werden meist als „Kompakt-Kurse“ angeboten, die üblicherweise in 4 Monaten absolviert werden können. 16.000 Absolventen erlangen pro Jahr hier ihren Abschluss. Heute finden ca. 80 Prozent aller Fortbildungen online statt. Geschäftsführer Frédéric Philipp Thiele: „Wir wollen Bildung an den Ort bringen, den unsere Studierenden wählen – zu dem Zeitpunkt und in der Geschwindigkeit, die sie brauchen.“

Anzeige

Auch das TA Bildungszentrum Hameln stand während der Corona-Pandemie vor der Herausforderung, den Präsenzunterricht nicht wie gewohnt durchführen zu können. Um den Lehrbetrieb dennoch aufrechtzuerhalten, griff man zunächst auf improvisierte Online-Lösungen zurück. Dazu wurden in den bestehenden Kursräumen kleine Streaming-Studios eingerichtet, ausgestattet mit einfacher Technik, wie sie auch von vielen YouTubern verwendet wird. Schnell zeigte sich, dass der Online-Betrieb erfolgreich war, so dass man begann, darüber nachzudenken, wie sich dieses Konzept professionalisieren ließe.

Im nächsten Schritt wurde ein Prototyp für ein virtuelles Studio entwickelt, das es erlaubte, den Unterricht mit einem hohen Automatisierungsgrad effizient durchzuführen.

Prototyp Online-Campus

Für die Entwicklung wurde ein interdisziplinäres Team zusammengestellt, das Kompetenzen aus den Bereichen Filmproduktion, IT und Animation vereinte. Dabei galt es, zahlreiche Fragen zu klären: Welche Raumgröße und Raumhöhe sind optimal? Welche Kameras, Optiken und Beleuchtungssysteme eignen sich am besten? Welche Steuerungen, Bildschirmgrößen und Abstände sind sinnvoll, wie lässt sich das Datenhandling effizient gestalten?

All diese Aspekte wurden im Prototyp erprobt und optimiert – ergänzt durch wertvolles Feedback der Dozenten, die testweise bereits von dort unterrichteten. Auch dieser Prototyp wurde zunächst in einem Unterrichtsraum am Hauptstandort des Bildungszentrums in der Bahnhofstraße in Hameln eingerichtet.

Nachdem die Technik erfolgreich getestet worden war, entschied die Geschäftsführung des Bildungszentrums, in einer ersten Ausbaustufe 25 Online-Studios in einem neuen „Online-Campus“ in der Böcklerstraße 13 in Hameln einzurichten. Dafür wurde ein leerstehendes Gebäude erworben, welches auf einer Fläche von 12.000 Quadratmetern zu einem hochmodernen Studiozentrum umgebaut wurde.

Aus einer zunächst improvisierten Notlösung hat sich so ein dauerhaftes, innovatives Konzept für digitalen Unterricht entwickelt, das inzwischen fest im Portfolio der Einrichtung verankert ist. Mitte August 2024 konnte der Lehrbetrieb im neuen Online-Campus aufgenommen werden. Seitdem wurde der Ablauf Schritt für Schritt optimiert, so dass der Betrieb inzwischen reibungslos läuft. Supportbedarf besteht heute nur noch bei der Bedienung der Studios – eine nachvollziehbare Herausforderung, da auch für manche Dozenten die Arbeit in diesem hochdigitalisierten Umfeld zunächst eine gewisse Umstellung bedeutet. Die Studios selbst wurden jedoch schnell positiv aufgenommen.

Der Live-Online-Unterricht wird mit einem Touchscreen gesteuert: Lautstärke, Kamera-steuerung sowie der Abruf von Inhalten zur Einblendung
Die Dozierenden können beliebig verschiedene Aufnahmesituationen nutzen, wie hier am Tisch sitzend
Die Visualisierungen werden durch die Unreal Engine von Epic Games unterstützt
Ergänzend kommen auch Elgato Stream Decks zur Steuerung zum Einsatz
Im „Freestyle“-Areal der Online-Studios folgen Canon-PTZ-Kameras den Bewegungen der Dozierenden automatisch

25 Greenscreen-Studios

Benjamin Bruns ist Teamleiter der Online-Studios und führt uns durch die „heiligen Hallen“. Er zeigt uns eines der 25 Studios – während in den meisten anderen gerade reger Lehrbetrieb herrscht. Doch schon ein einziges Studio reicht aus, um das System zu verstehen, denn alle 25 sind identisch aufgebaut und ausgestattet.

Neben dem typischen „Neugeruch“ stechen beim Betreten der Studios sofort die zahlreichen grünen Wände ins Auge. Dabei handelt es sich um ein exakt definiertes Grün, das gezielt für das Chroma-Keying ausgewählt wurde. Im Unterschied zum grellen „Hollywood-Grün“ ist es etwas dezenter gehalten – schließlich verbringen die Dozenten ganze Tage in den Studios und sollen dabei nicht unnötig belastet werden.

Wir befinden uns hier in einem echten virtuellen Studio – das bedeutet: Der Dozent wird in computergenerierte Umgebungen eingeblendet. Auch Lehrinhalte, die früher an die Tafel geschrieben wurden, erscheinen nun digital. Dafür können verschiedene Medien eingesetzt werden: PowerPoint, PDFs oder Videos.

Benjamin Bruns
Benjamin Bruns ist Teamleiter der Online-Studios im TA Bildungszentrum (Bild: Michael von Aichberger)

In jedem Studio stehen den Dozenten drei unterschiedliche „Aktionsräume“ zur Verfügung: ein Tisch, ein Stehpult – bei teils bis zu zehn Unterrichtsstunden eine willkommene Abwechslung – sowie ein freier Bereich ohne Möbel, den Herr Bruns „Freestyle-Position“ nennt. In diesem Bereich kann sich der Dozent völlig frei in einem virtuellen Umfeld bewegen.

Am Tisch und am Stehpult wird der Dozent jeweils von einer Blackmagic-Studio-Kamera aufgenommen, während im „Freestyle“-Bereich eine Canon-PTZ-Kamera zum Einsatz kommt, die seinen Bewegungen automatisch folgt. Am Tisch steht zudem ein Rechner mit den gängigen Office-Programmen bereit, um Lehrinhalte direkt einspielen zu können. Ein kleines, aber bewusstes Detail: Der Stuhl am Tisch ist ohne Rollen ausgestattet – so wird verhindert, dass der Dozent unbeabsichtigt aus dem Bildbereich herausrollt. Über dem Tisch ist zusätzlich eine AIDA-Dokumentenkamera montiert. Alle Kameras liefern eine Auflösung von 4K. Für eine gleichmäßige Ausleuchtung sorgen Flächenleuchten an der Decke sowie am Boden.

In Blickrichtung des Dozenten sind für alle drei Aufnahmeplätze große Vorschaumonitore installiert. Sie zeigen das kombinierte Bild aus Greenscreen-Aufnahme und virtueller Umgebung und ermöglichen so eine ständige Kontrolle der Darstellung. Zur Gestaltung des Live-Online-Unterrichts steht dem Dozenten ein kompaktes Touch-Panel zur Verfügung. Darüber kann er alle relevanten Einstellungen wie Lautstärke und Kamerasteuerung vornehmen sowie Inhalte zur Einblendung abrufen. Eine spezielle Effekt-Taste erlaubt es zudem, den Unterricht durch gezielte visuelle Elemente aufzulockern.

Virtuelle Welten mit Unreal

Hinter der sichtbaren Technik verbirgt sich ein umfassendes System für den Online-Unterricht – eine Kombination aus Konferenzplattform und Lernmanagement-Umgebung. Die Lösung wurde vom TA Bildungszentrum Hameln entwickelt und läuft auf eigenen Servern. Das bringt zum einen technische Vorteile, etwa die Möglichkeit, die Streaming-Qualität individuell zu steuern. Zum anderen konnte bei der Entwicklung großer Wert auf eine „niedrigschwellige“ Bedienbarkeit gelegt werden, da nicht jeder Dozent die gleiche Affinität zu digitalen Systemen mitbringt. Da viele Dozenten parallel auch für andere Bildungseinrichtungen tätig sind und dort mit unterschiedlichen Systemen arbeiten, wurde auf dem Tablet ein Hilfe-Button integriert. Über diesen kann bei Bedarf direkt Support angefordert werden. In einem zentralen Support-raum werden sämtliche Streams technisch überwacht.

Auch die virtuellen Welten, in denen sich die Dozenten bewegen können, wurden eigens vom TA Bildungszentrum entwickelt. Grundlage dafür ist die Unreal Engine von Epic Games, die für eine realistische und flexible Gestaltung der Umgebungen sorgt.

Unterrichtspraxis und Ausbaupläne

Zum Zeitpunkt unseres Besuchs liefen in den Studios gerade Kurse mit etwa 1.000 Teilnehmern (maximal 30 pro Kurs). Ein spürbares Handicap für die Dozenten beim Online-Unterricht besteht darin, dass sie den Großteil ihrer Studenten nicht mehr sehen. Zwar hätten alle Teilnehmer die Möglichkeit, ihre Kamera einzuschalten, doch dazu können sie nicht verpflichtet werden – und viele verzichten darauf, mitunter sogar alle.

Am Ende der Führung zeigt uns Benjamin Bruns eine weitere, noch leere Halle –- Raum für eine mögliche Erweiterung der Online-Studios. Eine Baugenehmigung dafür liegt bereits vor. Denn obwohl die Online-Studios ursprünglich aus der Not heraus entstanden sind, hat sich das Konzept bewährt – und soll in Zukunft noch weiter ausgebaut werden.

Anzeige

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.