Audio-Broadcast

Auracast: Wo steht die Bluetooth-Audioübertragung heute?

In diesem Interview, das aus einem AVcon-Pulse-Beitrag hervorgegangen ist, geht es um die auf Bluetooth LE Audio basierende Audio-Technologie Auracast. Unser Gesprächspartner war Dirk Zimmermann. Er ist Manager bei Mipro Business Development und beleuchtet den aktuellen Stand der Entwicklung.

(Bild: Professional System)

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Was ist Auracast ? Wann wurde es entwickelt und wozu kann es dienen?

Auracast ist ein wirklich spannendes Thema, dessen technologische Grundlagen auf die Gründung der Bluetooth Special Interest Group im Jahr 1998 zurückgehen. Seinerzeit wollten Firmen wie Ericsson, IBM, Intel und Nokia eine technologische Plattform schaffen, mit der Audiokommunikation und Steuerung drahtlos besser funktionieren konnten.

1999 gab es Version 1.0, die Anfänge mit Bluetooth Classic dauerten bis 2009. Damals betrug die Reichweite aber lediglich etwa zehn Meter, mit einer vergleichsweise eingeschränkten Audioübertragung und einer sehr hohen Latenz von bis zu 200 Millisekunden. Also alles nicht das, was man heute gebrauchen kann, schon gar nicht live. Weiter vorwärts ging es ab dem Jahr 2010 mit Version 4.0, besser gesagt LE Bluetooth oder Low Energy Bluetooth. Damit hielt Bluetooth sozusgen Einzug in die Smartphones.

Seit 2022 gibt es Bluetooth 5.2 mit LE Audio und dem neuen Codec LC3. Das ist der aktuelle Stand. Damit ist ein guter Kompromiss gefunden zwischen hervorragender Audioqualität und hoher Reichweite bei zugleich niedriger Latenz.

Mit Auracast haben wir eine Technologie zur Verfügung, die im Prinzip auf Bluetooth LE Audio basiert und Broadcast Isochronous Streams (BIS) nutzt. Wir brauchen dafür natürlich kompatible Hardware (Bluetooth 5.2 oder höher) mit entsprechender Broadcast-Funktionalität und nicht mehr nur eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung.

Luftbild von Feldern und Wiesen
Line-of-Sight-Feldtest mit einem Auracast-Sender: Gemessen wurde eine Reichweite von bis zu 400 m (Bild: Dirk Zimmermann)

Ein Blick auf die Technologie. Wie wird übertragen und empfangen?

Auf der einen Seite gibt es den Auracast Broadcast-Sender, der Datenpakete verschickt. Dabei werden Informationen, unterschiedliche Audioqualitäten sowie Stereo- und Monosignale übermittelt.

Empfängerseitig stehen Produkte von rund über 38.000 Mitgliedsunternehmen der Bluetooth SIG wie In-Ears und Hörgeräte zur Verfügung – wobei nicht jedes LE-Audio-fähige Gerät automatisch bereits Auracast unterstützt.

Nehmen wir mal an, ich besuche einen Kongress und würde mich für einen Vortrag in irgendeinem Saal entscheiden wollen. Dann gehe ich dort hinein, benutze beispielsweise mein Smartphone und scanne einen QR-Code, sofern das Endgerät und das Betriebssystem diese Funktion unterstützen. Das heißt, mein Smartphone fungiert an dieser Stelle als Fernbedienung. Es ist nicht so, dass das Audiosignal, also das Streaming-Signal, jetzt über das Smartphone meinen In-Ear oder mein Hörgerät erreicht, sondern es wird direkt auf den Empfänger gestreamt.

Man kann das natürlich auch mit Auracast-fähigen Kopfhörern nutzen. Dazu müsste ich mich in einer freigeschalteten Auracast-Übertragung befinden und die einzelnen Kanäle bis zum gewünschten Programm „durchtippen“.

Viele mögliche Einsatzorte sind groß dimensioniert. Es gab zum Beispiel einen Test im Dortmunder Stadion. Wie sieht es mit den maximalen Reichweiten bei der Übertragung aus?

Dieser Test hat mit einem einzigen „Opus Auragate“ – das sehr hohe Reichweiten schaffen kann – in einer nur zum Teil besetzten Arena stattgefunden. Unter realen Bedingungen wäre jedoch zu berücksichtigen, dass die Reichweite stark von Umgebung, Bebauung, Personen und Funkbedingungen abhängt. Im voll besetzten Stadion mit 70.000 oder 80.000 Personen müsste man also wahrscheinlich erneut mit zwei oder drei weiteren Sendern testen.

Bei meinen eigenen Tests im freien Feld mit einem Sender und einem Auracast-Kopfhörer bin ich bis 400 m weit gekommen. Das ist jedoch ein Einzelfall unter optimalen Bedingungen (freie Sicht). Mit Abschattungen würde sich die Reichweite ungefähr auf 100 bis 150 Meter reduzieren. In typischen Innenraumsituationen sind eher Reichweiten zwischen 30 und 100 Metern praxisüblich.

Auracast-Test im BVB Stadion in Dortmund (Bild: Edmund Löbbers)

Wo wird Auracast heute schon überall eingesetzt?

Das Interesse an Auracast ist sehr stark gestiegen. Die Technologie bietet sich überall dort an, wo Hör-Schleifen verlegt werden sollen bzw. bisher eingesetzt werden. Wir haben jetzt beispielsweise in München die Samuel Heinecke Förderschule mit ihren insgesamt 84 Klassen ausgestattet. In jeder Klasse befindet sich jetzt ein Auragate-Sender. Dort ist man nun sozusagen „Auracast ready“, Schülerinnen und Schüler sind mit Auracast-kompatiblen Hörgeräten sofort „on air“.

Dann gibt es ausgestattete Hörsäle wie zum Beispiel beim Karlsruhe Institut für Technologie (KIT). Die Stadt München wiederum hat 90 XXL-S-Bahnen bestellt für jeweils bis zu 1.800 Fahrgäste. Die werden 2027 ausgeliefert und sind alle mit Auracast ausgestattet. Das ist eine sehr interessante Entwicklung, die sich da auftut.

Dann gibt es inzwischen auch zahlreiche Verleiher, die Auracast in ihr Equipment aufnehmen, etwa für Silent Parties/Events. Auch Kongresse bieten sich für den Auracast-Einsatz an, wo Teilnehmer eigene Auracast-Empfänger oder Auracast-fähige Hörgeräte mit sich führen.

Wie groß ist die Schubkraft durch Gesetze für Barrierefreiheit?

Es gibt es bereits eine ganze Reihe von Gesetzen, die diese Schubkraft bringen sollten. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz etwa ist seit 28. Juni 2025 in Kraft. Es betrifft Dienstleistungen und Produkte. Wichtig ist: Das Gesetz schreibt keine konkrete Technologie wie Auracast vor, sondern fordert allgemein eine barrierefreie Zugänglichkeit, auch im Bereich der Hörunterstützung.

Straßenschild am Rand eines Feldwegs
Praxistest im Gelände (Bild: Dirk Zimmermann)

Das bedeutet, dass beispielsweise Personenbeförderungsdienste barrierefrei gestaltet werden müssen. Auracast kann dafür eine technische Lösung darstellen. Es ist nicht verpflichtend vorgeschrieben, erleichtert aber die Umsetzung der Barrierefreiheit erheblich. Das erklärt, warum die Stadt München diese 90 S-Bahnen mit Auracast-Technik bestellt hat. Letztendlich muss jeder Flughafen, jeder Bahnhof, jeder Bus entsprechend barrierefrei ausgestattet sein, und das auch in punkto Hörunterstützung.

Darüber hinaus muss auch bei Produkten Hörunterstützung angeboten werden, zum Beispiel bei Geldautomaten, die bislang nur mit einer kleinen Klinkenbuchse für Kopfhörer oder induktiver Halsschleife ausgestattet sind. Das alles sind die Dinge, die das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz heute regelt und die bis spätestens 2030 umgesetzt sein müssen. Im Moment gibt es noch einen Bestandsschutz, aber alles, was jetzt neu gebaut wird, unterliegt dieser Gesetzeslage.

Was gibt es noch für mögliche Zielgruppen und Einsatzorte, die heute schon mit in der Diskussion sind?

Wir sprechen von einem Riesenmarkt. Schulen und Universitäten müssen entsprechend ausgestattet sein, weil auch Bildung letztlich Teilhabe bedeutet und die ist für behinderte Menschen enorm wichtig. Zu nennen sind auch Hotels oder Aufzüge mit Mehrstockwerk-Ansagen im Lift. In Arztpraxen, wo vor allem ältere Menschen sich mit dem Arzt unterhalten wollen, ist das bisher oft gar nicht möglich, weil es noch kein Equipment dafür gibt. Zu nennen sind auch Kinos, Theater und öffentliche Einrichtungen. Selbst beim Drive-In bei McDonald‘s oder Burger King kann man schnell einen QR-Code scannen.

Einige dieser Anwendungen befinden sich aktuell noch in der Pilotphase oder frühen Markteinführung. Und das ist nur ein ganz kleiner Auszug aus den vielen Möglichkeiten. Es gibt sogar schon die ersten Fernsehgeräte mit Auracast. Das heißt: Auch die Unterhaltungselektronik marschiert schon in Richtung Auracast.

Wie schnell wird sich die Technologie weiter verbreiten?

Es gibt auf der Bluetooth.com-Seite von Happy Research eine interessante Darstellung der Entwicklung. Aktuell gibt es demnach 450 Millionen LE-audiofähige Kopfhörer weltweit. Die sind nicht automatisch alle Auracast-kompatibel, da entsprechende Funktionen teilweise erst implementiert oder aktiviert werden müssen. Aber diese 450 Millionen sind schon mal da und mit denen kann ich theoretisch Auracast machen.

Bis 2028 wird es mehr als 3 Milliarden LE-kompatible Audiogeräte geben. Da reden wir nicht mehr darüber, kommt Auracast oder kommt es vielleicht nicht. Ich werde tagtäglich über solche Geräte stolpern. 90 Prozent der Smartphones werden 2027 LE Audio unterstützen und 50 Prozent der verkauften Hörgeräte. Auf der letzten EUHA-Messe in Nürnberg kündigten viele Hörgerätehersteller an, ihre Hörgeräte jetzt freizuschalten. Google Maps kann dann anzeigen, wo sich das nächste Auracast-fähige Kino oder Theater befindet. Das alles ist bereits im Fluss und wird sich schnell ausweiten.

Sollte Auracast künftig intensiver in der Projektplanung mitgedacht werden oder ist es dort schon angekommen?

Auracast sollte in der Projektplanung deutlich stärker berücksichtigt werden. Es schreibt ja ohnehin die DIN 18041 vor, dass Barrierefreiheit umgesetzt werden muss bei entsprechenden Räumlichkeiten, die auditiv genutzt werden. In der Regel werden fast immer Schleifenanlagen geplant. Das kann man sich heute aber viel einfacher machen. Es ist fraglich, ob ich jetzt noch in einem denkmalgeschützten Raum eine Hör-Schleife verlegen soll. Einen Auracast-Sender irgendwo zu installieren, dürfte dagegen sicherlich möglich sein.

Deswegen wird es einen wesentlich stärkeren Zug geben, Auracast als Hörunterstützungslösung einzuplanen. Auracast zeigt sich hier als eine alternative oder ergänzende Lösung, die insbesondere durch einen geringeren Installationsaufwand überzeugt. Für Planer ist das einfacher und für Systemintegratoren sowieso. Gerade in Bestandsgebäuden kann das ein Vorteil sein.

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