IT-Kompass

IT-Trends 2026: Von Souveränität bis Resilienz

2026 steht in vielen IT-Abteilungen weniger für den nächsten „großen Wurf“ als für eine Phase der Konsolidierung: Security- und Compliance-Anforderungen steigen, Cloud-Strategien werden neu sortiert, KI muss den Nachweis erbringen, dass sie im Alltag trägt. Souveränität wird operativ, Cloud wird komplexer, Resilienz wird Pflicht. So lauten zentrale Prognosen der IT-Experten. Auffällig ist ein gemeinsamer Nenner quer durch die Aussagen von Anbietern, Analysten und Verbänden: Es geht zunehmend um Kontrollfähigkeit – über Daten, Lieferketten, Kosten, Betriebsmodelle und Risiken.

(Bild: Professional System)

Souveränität: Vom Schlagwort zur Beschaffungsfrage

Für Sebastian von Bomhard, Vorstand und Gründer der SpaceNet AG, wird 2026 „ein Jahr, in dem digitale Weichen neu gestellt werden“. Regulierung, Bedrohungslage und wachsendes Bewusstsein für Souveränität prägen seiner Ansicht nach zwar die Strategie, „gleichzeitig wirkt die wirtschaftliche Unsicherheit bremsend und verstärkt bestehende Abhängigkeiten von US-Anbietern“. Damit bleibe die Praxis ambivalent: Man erkenne, dass man handeln müsse, handle aber oft noch nicht.

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Von Bomhard beschreibt Datensouveränität als „Schlüsselkomponente“, sieht aber weiterhin Zögern im Mittelstand. Aus seiner Sicht ist das Thema „seit 30 Jahren ein entscheidender Faktor“ – und dennoch vertrauten viele Unternehmen weiterhin „auf ein Tool“. Die Kombination aus Komfort („bequeme Funktionssicherheit der großen Anbieter“) und Wissenslücken über Alternativen führe zu dieser paradoxen Lage.

Sebastian von Bomhard, Vorstand und Gründer der SpaceNet AG
„Datensouveränität wird zur Schlüsselkomponente – doch der Mittelstand zögert weiter“, Sebastian von Bomhard, Vorstand und Gründer der SpaceNet AG (Bild: SpaceNet AG)

Ähnlich argumentiert der Verein zur Förderung von IT aus Europa (ITE). Dort heißt es, die Debatte um digitale Souveränität habe 2025 Fahrt aufgenommen und werde 2026 „nochmals deutlich zulegen“.

Christian Herzog, Vorstand des Vereins und Geschäftsführer des Gründungsmitglieds Extra Computer, erwartet entscheidende Weichenstellungen und formuliert den Anspruch pointiert so: „2026 wird zeigen, ob Europa seine IT-Abhängigkeiten tatsächlich verringert oder nur verschiebt.“

Unternehmen, die konsequent auf „europäische Wertschöpfungsketten, nachvollziehbare Nachhaltigkeit und klare Datenhoheit“ setzen, verschaffen sich laut Herzog nicht nur einen Vorsprung, sondern stärken auch die Volkswirtschaft und seien weniger anfällig für Engpässe.

„2026 wird zeigen, ob Europa seine IT-Abhängigkeiten tatsächlich verringert oder nur verschiebt”, Christian Herzog, Vorstand des Vereins für IT aus Europa und Geschäftsführer von Extra Computer (Bild: Extra Computer)

Multi-Cloud als Standard, Exit als Muss

Bei Ionos wird die Cloud weiterhin als zentraler Transformationstreiber eingeordnet – allerdings unter verschärften Vorzeichen. „Strengere EU-Regeln, geopolitische Spannungen und wachsende Sicherheitsrisiken rücken die digitale Souveränität noch weiter ins Zentrum“, lautet der Tenor der Cloud-Prognosen von Ionos. Aus Anbietersicht wird der Trend operativ: Datenhoheit, Compliance und Innovation müssen gleichzeitig gelingen.

Konkret rückt Ionos regulatorische Treiber wie den ab 2026 geltenden EU Data Act in den Fokus: Datenportabilität, Interoperabilität, fairere Vertragsbedingungen und gestärkte Wechsel- beziehungsweise Exit-Szenarien sollen Lock-in-Risiken reduzieren.

In dieser Logik wird Multi-Cloud weniger zur Kür als zur Risikosteuerung – auch wegen geopolitischer Unsicherheiten und Lieferkettenrisiken, die Ionos bis hin zur Chip-Supply-Chain adressiert. Parallel wird „Cloud Security 2.0“ als Kombination aus Zero-Trust, cloud-nativen Security-Stacks sowie proaktiven, automatisierten Abwehrmechanismen beschrieben.

Uwe Geier, Senior Director Cloud Solutions bei IONOS
„Digitale Souveränität, das Thema des Jahres 2025 ist gekommen, um zu bleiben“, Uwe Geier, Senior Director Cloud Solutions bei IONOS (Bild: IONOS)

Die Analysten von Gartner sehen die Cloud ebenfalls als Wachstumstreiber, allerdings mit spürbarer Volatilität. Distinguished VP Analyst John-David Lovelock ordnet ein: „KI, Cloud und Cybersecurity treiben das Wachstum der IT-Ausgaben europäischer Unternehmen im Jahr 2026 entscheidend voran.“ Gleichzeitig werde es stärkere Schwankungen geben, „da CIOs den Fokus auf digitale Souveränität legen und ihre Cloud-Dienste näher an ihren Standort verlagern“.

Gartner erwartet in Europa 2026 insgesamt IT-Ausgaben von 1,4 Billionen US-Dollar (+11,1 Prozent) sowie einen Anstieg der Ausgaben für Public-Cloud-Services um 24 Prozent.

Während Multi-Cloud als Zielbild diskutiert wird, bleibt Hybridity vielerorts der Alltag. Sebastian von Bomhard bezeichnet hybride Infrastruktur als „den pragmatischen Standard“, aber „nicht den idealen“: In der Administration seien hybride Modelle hochkomplex. Dennoch behielten sie ihre Daseinsberechtigung, weil Alternativen oft nicht ausreichend bekannt seien und Unsicherheit dominiere.

Interessant ist sein Praxisvergleich in Richtung Auditierbarkeit: Lokale Anbieter könnten Transparenz liefern, „bei SpaceNet beispielsweise ist ein Auditor in der Lage, das Rechenzentrum physisch zu prüfen“ – bei Hyperscalern sei das so nicht möglich. Der Hybridbetrieb bleibe damit häufig weniger Überzeugung als Übergang.

Cyber-Resilienz: Security wird zur Architekturfrage

Der Druck in punkto Security steigt, die Antworten werden operationaler. Sebastian von Bomhard erwartet 2026 eine wachsende Rolle von Managed SOC- und SIEM-Services – auch, weil ein eigenes SOC für viele Mittelständler „schlicht unrealistisch“ sei. Zudem warnt er vor trügerischer Sicherheit durch Policen: Unternehmen, die sich statt in Security „auf ihre Versicherungen verlassen“, müssten erkennen, „dass dieser vermeintliche Schutz nicht greift“.

Pure Storage setzt in seiner Trend-Deutung ebenfalls auf Resilienz als Systemaufgabe. Markus Grau, Enterprise Architect im CTO-Office, beschreibt den Abschied von der Idee, ein einzelner Anbieter könne „ein gesamtes Unternehmen schützen“. Stattdessen brauche es „ein vernetztes Framework“, um Dominoeffekte zu verhindern, Angriffe zu erkennen und Wiederherstellung zu beschleunigen. Resilienz werde damit vom Produktkauf zur Architekturfrage.

Markus Grau, Enterprise Architect im CTO-Office bei Pure Storage
„Die Energieverfügbarkeit wird ein entscheidendes Kriterium beim Bau neuer Rechenzentren werden“, Markus Grau, Enterprise Architect im CTO-Office bei Pure Storage (Bild: Pure Storage)

Grau verknüpft das mit einem zweiten, oft unterschätzten Faktor: Energie. Er erwartet, dass „die Energieverfügbarkeit ein entscheidendes Kriterium beim Bau neuer Rechenzentren“ wird und Stromknappheit den Ausbau bremst.

Als Konsequenz fordert er eine klare Effizienzmetrik und bringt „Terabyte pro Watt (TB/W)“ als branchenüblichen Standard ins Gespräch. Wenn Energie zum Engpass werde, veränderten sich Standort- und Plattformentscheidungen – mit direkten Folgen für Cloud, Colocation, Storage-Design und Workload-Platzierung.

Virtualisierung und Plattformen: Alternativen werden erwachsen

Unter den Infrastrukturthemen ragt 2026 die Frage nach Virtualisierung und Plattformkonsolidierung heraus. Pure Storage prognostiziert, dass virtuelle Maschinen in Kubernetes „mit Kubevirt“ in großem Umfang in Produktion gehen. Das wird als Reaktion auf den Wunsch nach Alternativen und mehr Kontrolle gedeutet: Kubernetes werde zur gemeinsamen Klammer für Container und Virtualisierung – verbunden mit Orchestrierung und Monitoring.

Auch GoTo sieht Konsolidierung als wirtschaftlich getriebene Normalisierung: „Einheitliche Plattformen“ würden zur Norm, weil Unternehmen „All-in-one-Lösungen gegenüber Patchwork-Tools“ bevorzugten – zur Senkung von Komplexität, Kosten und Anbieterzahl. Entscheidend sei nicht die Oberfläche, sondern eine tiefe Integration in CRM, Messaging, Betrieb und Workflows.

Compliance als Dauerprojekt: mehr Druck, wenig Proaktivität

Mit NIS2, KRITIS, DORA, Datenschutz und weiteren Vorgaben steigt die regulatorische Dichte – und damit das Risiko, Compliance als Dauerbaustelle zu erleben. Von Bomhard beobachtet im Mittelstand eine reaktive Haltung: Viele warteten „zunächst einmal die Entwicklung ab“. Warnhinweise führten nicht automatisch zu Investitionen, sondern oft zu Abwehrreaktionen; „Erst Audits, externe Vorgaben oder Vorfälle erzeugen echten Handlungsdruck“. Für 2026 erwartet er Compliance „omnipräsent“, aber „selten proaktiv organisiert“.

BMC Software ergänzt diese Perspektive um eine KI- und Daten-Dimension. CTO Ram Chakravarti rechnet damit, dass Regulierung und Geopolitik die „Lokalisierung und Nachverfolgbarkeit“ von KI vorantreiben. Nach dem Vorbild der DSGVO werde genauer geprüft, „wo KI gehostet wird und wo Daten verarbeitet oder abgeleitet werden“. Gleichzeitig steige durch nicht-US-amerikanische Open-Source-Modelle der Bedarf, Herkunft und Trainingsdaten nachvollziehen zu können – was regionale „Walled Gardens“ befördern könne.

 Ram Chakravarti, CTO BMC Software
„Regulierung und Geopolitik werden die Lokalisierung und Nachverfolgbarkeit von KI vorantreiben”, Ram Chakravarti, CTO BMC Software (Bild: BMC Software)

KI 2026: Vom Hype zur Betriebsdisziplin

Prognosen für die Künstliche Intelligenz haben wir schon ausführlich in PROFESSIONAL SYSTEM 1-26 behandelt. Doch weil sich die Entwicklung der IT im Jahr 2026 kaum ohne KI erklären lässt, lassen wir auch zu diesem Thema Experten zu Wort kommen. Mehrere Stimmen betonen: KI muss in den Regelbetrieb, sie braucht Governance, sie hängt an Daten und Infrastruktur.

Pure Storage formuliert es zugespitzt: „Die Zeit der überschwänglichen Begeisterung für KI ist vorbei.“ 2026 gehe es um Realismus, Konsolidierung und ROI. KI-Projekte bekämen nur dann grünes Licht, wenn sie Profitabilität, Wachstum oder Risikominderung belegbar unterstützen.

Der Wettbewerbsvorteil liege nicht mehr in der Größe der KI-Infrastruktur, sondern darin, „wie schnell ein Unternehmen sie anpassen kann“ – einschließlich des Austauschs von Modellen und Inferenzanbietern, der Orchestrierung von Workloads über Cloud, On-Prem und Edge sowie der Fähigkeit, Hardware- und Modellwechsel zu absorbieren.

Parallels-CTO Prashant Ketkar erwartet zugleich eine Explosion an Anwendungen: IT-Abteilungen verwalteten heute rund hundert Anwendungen, 2026 könnten es „Tausende“ werden, weil Apps und KI-Agenten schneller entstehen würden und teils nur kurzlebig im Einsatz seien. Das erhöhe Risiken bei Security, Compliance und Datenmanagement – und mache Automatisierung im IT-Management zwingend.

Ketkar betont zudem, dass sich Datensicherheit neu definiere: KI arbeite in Umgebungen, die „alles verarbeiten und sich alles merken“ können. Anwender dürften nicht davon ausgehen, dass Systeme Eingaben „vergessen“. Daraus leitet er die Forderung nach klaren Leitplanken für die Datennutzung und die Vermeidung von Datenabfluss ab.

Prashant Ketkar, CTO bei Parallels
„Da Unternehmen IT-Resilienz zunehmend in den Mittelpunkt stellen, werden 2026 mehr von ihnen in digitale Echtzeit-Zwillinge ihrer Datenökosysteme investieren“, Prashant Ketkar, CTO bei Parallels (Bild: Parallels)

IntraFind spricht von einer „Reifeprüfung“: 2026 müsse sich KI beweisen. Vorstand Franz Kögl sieht einen Übergang „von der Experimentierphase zur Produktivität“. Unternehmen und Behörden würden KI „strategisch“ implementieren, ihren Wert messen und sicher in Kernprozesse integrieren.

Gleichzeitig rücke das Agententhema in die operative Phase: Agenten würden in Workflows eingebettet und kompensierten Arbeitskraft – aber Kontrolle, Wartung, Koordination sowie Nachvollziehbarkeit würden an Gewicht gewinnen, insbesondere bei kritischen Prozessen.

Auch BMC erwartet eine Abkehr weg vom „größer ist besser“-Prinzip. Chakravarti vergleicht die KI-Landschaft mit einem Vorschlaghammer für eine Walnuss und prognostiziert eine stärkere Fokussierung auf kleinere, domänenspezifische Modelle, die „messbaren Wert“ liefern.

Datenpipelines und Storage-Strategien

Neben KI rückt 2026 der Unterbau stärker in den Fokus: Stichwort sind Datenpipelines, Storage-Strategie, Verfügbarkeit und Kosten. Chakravarti erwartet Investitionen in „digitale Echtzeit-Zwillinge“ von Datenökosystemen – nicht zur Überwachung der Daten selbst, sondern um das Geflecht der Datenpipelines zu steuern, das Produkte und Prozesse verbinde.

Der ITE-Verein setzt einen zusätzlichen Akzent: Speicherknappheit. Der KI- und Cloud-Boom binde weltweit Produktionskapazitäten für hochperformante Speicherbausteine. Klassische DRAM- und SSD-Varianten würden „knapper und teurer“. Unternehmen müssten Speicherstrategien früher planen, Kapazitäten bündeln und Transparenz in Lieferketten einfordern. Diese Entwicklung werde sich „weiter verschärfen und mindestens die erste Jahreshälfte prägen“.

Pure Storage verbindet die Speicherfrage mit Data Readiness: Der Fokus verschiebe sich von Training zu Inferenz (Anwendung). Ohne robuste Inferenzplattform und die Fähigkeit, Daten für KI-Pipelines bereitzustellen, werde KI scheitern. Markus Grau beschreibt die Phasen von Datenerfassung über Kuratierung und Transformation bis Vektorisierung und Indizierung als häufig tage- oder wochenlange Bremsen. Das Ziel sei, Datenpipelines zu rationalisieren und zu automatisieren, um nicht nur schneller erste Ergebnisse bewerten zu können, sondern neue Daten kontinuierlich einzuspeisen.

IoT, AIoT und Robotik: Konvergenz wird Alltag

Außerhalb klassischer IT-Betriebsmodelle zeichnet sich 2026 eine weitere Dynamik ab: IT verschmilzt stärker mit OT, Sensorik, Robotik und Field Service. IFS beschreibt den Übergang vom IoT zur „Artificial Intelligence of Things“: Daten würden nicht nur gesammelt, sondern intelligent ausgewertet – auf Geräten, im Rechenzentrum oder in der Cloud. Das System könne „eigenständige Entscheidungen treffen, anstatt nur Informationen bereitzustellen“.

Managing Director Sebastian Spicker sieht enormes Potenzial, warnt aber vor falschen Entscheidungen in sensiblen Servicekontexten: Es komme darauf an, „die Interaktion zwischen KI und menschlichen Entscheidungen richtig abzustimmen“, weil Fehlentscheidungen zu kritischen Ausfällen oder SLA-Strafzahlungen führen könnten.

Sebastian Spicker, Managing Director DACH bei IFS
„Es entsteht eine Artificial Intelligence of Things (AIoT), die eigenständige Entscheidungen treffen kann“, Sebastian Spicker, Managing Director DACH bei IFS (Bild: IFS)

Die International Federation of Robotics (IFR) ordnet Robotik 2026 entlang ähnlicher Linien ein: mehr Autonomie durch analytische KI, generative KI und Agentic AI. Zugleich wachse die Bedeutung der IT/OT-Konvergenz für Echtzeit-Datenaustausch und Analysen. Darüber hinaus hebt die IFR Sicherheit und Governance hervor, weil KI-getriebene Autonomie Testing, Validierung und Aufsicht komplexer mache. Für humanoide Robotik nennt der Verband Zuverlässigkeit und Effizienz als Schlüssel – inklusive Anforderungen an Energieverbrauch, Wartung und industrietaugliche Standards.

Customer Experience: Vertrauen als Infrastrukturthema

Nicht nur Produktion und IT-Betrieb, auch Kundenkontakt und Service verändern sich 2026 spürbar – insbesondere, weil KI-Agenten in den Kundenservice hineinwachsen. Twilio-Beraterin Samantha Richardson formuliert einen Leitgedanken: „Vertrauen wird zur neuen Währung der Customer Experience.“ Menschen hätten „keine Geduld mehr für Technologie, die nicht funktioniert“. Zuverlässigkeit werde selbst zum Markenerlebnis: Wenn Systeme versagen, „versagt auch die Loyalität“. Deshalb priorisierten erfolgreiche Marken eine nahtlose, sichere und verlässliche Infrastruktur als Basis weiterer Innovation.

Gleichzeitig sieht Richardson eine Gegenbewegung: Loyalität werde „das Gegenmittel zur digitalen Erschöpfung“. Marken müssten ein Ökosystem aus Vertrauen, Storytelling und Service schaffen. Und sie setzt einen Kontrapunkt zur KI-Ästhetik: „Unperfekte Authentizität“ werde zum Vertrauensmerkmal, weil makellose KI-Inhalte zunehmend als seelenlos aufgefasst würden.

Cybersecurity als Unternehmensrisiko Nr. 1

Das Allianz Risk Barometer 2026 bestätigt Cybersecurity-Vorfälle und Netzwerkstörungen als größte Gefahr für Unternehmen – doch Künstliche Intelligenz nimmt als Risikotreiber bereits Platz 2 ein. Cyberrisiken verfestigen sich strukturell zur Dauerbedrohung – und werden durch KI qualitativ verschärft. Für Unternehmen heißt das: Resilienz, Recovery-Fähigkeit und Governance rücken ebenso in den Fokus wie klassische Abwehrmaßnahmen.

Michael Bruch, Global Head of Risk Consulting Advisory Services bei Allianz Commercial, fasst die Lage so zusammen: „Die Investitionen großer Unternehmen in Cybersicherheit und Resilienz haben sich ausgezahlt und sorgen dafür, dass sie Angriffe frühzeitig erkennen und darauf reagieren können. Allerdings entwickeln sich Cyberrisiken ständig weiter. Unternehmen sind zunehmend auf Drittanbieter für kritische Daten und Dienste angewiesen, während KI die Bedrohungen verstärkt, die Angriffsfläche vergrößert und bestehende Schwachstellen noch verschärft.“

In einer Umfrage des Datensicherungsspezialisten Veeam zweifelten denn auch 71 Prozent der Befragten an der Betriebskontinuität im Falle von mehrtägigen Cloud-Ausfällen. Veeam-CEO Anand Eswaran warnt: „IT- und Unternehmensleiter stehen 2026 vor einer beispiellosen Komplexität.“

Michael Martens, CEO von RIEDEL Networks
„IT- und Unternehmensleiter stehen 2026 vor einer beispiellosen Komplexität.“
Michael Martens, CEO von RIEDEL Networks
(Bild: RIEDEL NETWORKS)

Michael Martens zufolge, CEO von RIEDEL Networks, bleibt Ransomware besonders folgenreich, nimmt Industriespionage zu und entwickelt sich Social Engineering durch KI rasant weiter – zum Beispiel über Deepfakes, Identitätsfälschungen und automatisierte Desinformationskampagnen. Gleichzeitig bleibe der Mensch der verwundbarste Teil jeder Sicherheitskette: beeinflussbar, leicht ablenkbar und anfällig für Social-Engineering-Methoden. Für ausreichend Schutz seien ganzheitliche, vernetzte Sicherheitskonzepte gefragt, idealerweise rund um die Uhr überwacht über Managed Security Services.

Als strategisches Thema für Europa hebt Martens digitale Souveränität hervor: Es gehe nicht mehr nur um Datenstandorte, sondern um Kontrolle über Verarbeitung und Zugriffsrechte. Echte Souveränität erfordere Transparenz und Unabhängigkeit von Drittanbietern – weit über europäische Cloud-Standorte hinaus. Für 2026 erwartet Martens, dass „integrierte Sicherheit, Automatisierung und digitale Souveränität nicht nur strategische Leitlinien, sondern betriebliche Notwendigkeiten werden“.

2026 als Jahr der Betriebsfähigkeit

Aus dem Chor der Expertenstimmen ergibt sich ein relativ konsistentes Bild: 2026 wird weniger das Jahr einer einzelnen Technologie sein als das Jahr der Betriebsdisziplin. Souveränität wird konkret über Exit-Szenarien, Datenlokation, Lieferketten und Nachweise. Cloud bleibt Wachstumsmotor, wird aber stärker reguliert, geopolitisch beeinflusst und architektonisch diversifiziert. Security verschiebt sich Richtung Resilienz-Frameworks und Managed Services. Und KI rückt in eine Phase, in der sie nicht mehr über Faszination, sondern über Governance, Datenpipelines, Kosten und messbaren Nutzen bewertet wird.

Oder mit IntraFind-Vorstand Kögl gesprochen: „Es gibt nicht den nächsten Hype, sondern eine Neujustierung.“ Entscheidend ist 2026, wie gut Unternehmen Kontrolle herstellen – technisch, organisatorisch und wirtschaftlich.

 


Exkurs Cybersicherheit 2026: Security Super Intelligence

Nick Schneider, President und CEO von Arctic Wolf, erwartet für 2026 grundlegende Verschiebungen in Markt, Technologie und Organisation von Cybersicherheit. KI werde zum Treiber einer Marktkonsolidierung: Auf fragmentierte Tool-Landschaften folge die zunehmende Relevanz einheitlicher Plattformen, die auf geteilten Daten, Automatisierung und integrierter Intelligenz basieren. Spezialfunktionen würden stärker in größere Ökosysteme integriert. Der Markt bewege sich von „Best-of-Breed“ zu „Best Integrated“, geprägt durch Skalierung und interoperable Workflows.

„Künstliche Intelligenz wird das moderne SOC grundlegend neu definieren”, Nick Schneider, President und CEO von Arctic Wolf, (Bild: Arctic Wolf)

Schneider rechnet mit autonomen, KI-gesteuerten Angriffen. Nötig seien daher kontinuierliches Monitoring, automatisierte Eindämmung und schnelle Wiederherstellung. Jobs verschwänden nicht, veränderten sich aber: KI-Copiloten und Weiterbildung sollen die Qualifikationslücke schließen. KI werde das moderne SOC neu definieren: „Das, was wir heute als ‚Security Super Intelligence‘ bezeichnen, wird sich vom Konzept zur Realität entwickeln“, so Schneider.

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