Lichtsteuerung direkt vom Hersteller?

Proprietäre (Licht)Steuerungssysteme

Neben den drei großen und offenen Steuerungssystemen DALI, DMX und KNX existieren eigene, proprietäre Systemlösungen diverser Hersteller mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Funktionsumfängen, die hier vorgestellt werden.

Beleuchtung
(Bild: Oligo Lichttechnik GmbH)

An sich stehen proprietäre Steuerungssysteme für ein modernes Smart Home, Smart Building oder energieeffiziente Projektlösungen im direkten Widerspruch zu der eigentlichen Idee, ein umfassendes und unabhängiges Netzwerk aufzubauen, welches sich ggf. an alle Eventualitäten anpassen und ausbauen lässt. Dies haben auch die Hersteller erkannt und so wird über externe Schnittstellen und Gateways versucht, eigenständige Systeme möglichst kompatibel und ausbaufähig zu gestalten, um im Wettbewerb um das umfassendste und zugleich benutzerfreundlichste System die Nase vorn zu haben.

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Doch bis auf eventuelle Kompatibilitätsprobleme und eine eingeschränkte Auswahl an Netzwerkkomponenten, spricht ein wichtiger Aspekt für eine an einen Hersteller gebundene Lösung: Die Sicherheit, dass die angebotenen Komponenten miteinander harmonieren. Denn dies ist trotz detaillierter Definitionen der anderen Systeme nicht immer gewährleistet und kann in komplexen Systemen durchaus zu Problemen durch Inkompatibilitäten führen.

Grenzen verwischen

Das kann in der Konsequenz zwar bedeuten, dass der Anwender die Preispolitik eines Herstellers akzeptieren muss, dafür befindet er sich aber eventuell planerisch auf der sicheren Seite. Jedoch sind die Anbieter proprietärer Systeme grundsätzlich bestrebt, andere Firmen, die das Angebot durch ein neues Produktportfolio ausbauen, von dem jeweiligen Leistungspotenzial zu überzeugen, um so weitere Hersteller in das eigene Boot zu ziehen. Dadurch wird die Definition des proprietären Systems allerdings weitgehend wieder aufgeweicht und nähert sich vom Umfang und der Vielseitigkeit den offenen Systemen an.

Das Schienensystem Smart.Track von Oligo lässt sich sowohl per Bluetooth über die Casambi-App steuern als auch in ein HomeMatic-System implementieren. (Bild: Oligo Lichttechnik GmbH)

Trotzdem fristen die proprietären Systeme gerade im Projektbereich ein etwas unauffälliges Dasein, so dass sich die Anbieter bei der Ansprache eher auf den Privatnutzer fokussieren. Dabei spielt es aber eher selten eine Rolle, welche Räumlichkeiten mit den jeweiligen Steuerungssystemen ausgestattet werden, da sich das Anwendungsprofil und auch die Leistungsfähigkeit der jeweiligen Protokolle nur in Details unterscheiden. Auch werden die technischen Unterschiede geringer und die optionalen Möglichkeiten wachsen, so dass es für den Planer schwieriger wird, das exakt passende System für das umzusetzende Projekt zu definieren bzw. eine eindeutige Empfehlung auszusprechen. Hier spielen dann oftmals die eigenen positiven wie negativen Erfahrungen eine entscheidendere Rolle, als der tatsächliche theoretische Nutzen der einzelnen Steuerungssysteme. Eine Auswahl der am Markt befindlichen Systeme soll bei der Orientierung helfen:

Umfangreich – HomeMatic (IP)

Der deutsche Hersteller eQ-3 aus dem ostfriesischen Leer hat mit Home – Matic eines der erfolgreichsten geschlossenen Smart-Home-Systeme am Markt. Dies liegt nicht nur an der vielfältigen Produktauswahl, sondern vermutlich auch an den hochkarätigen Partnern, wie ELV Elektronic AG, Contronics GmbH, Conrad Electronic SE und Qivicon. Doch auch der Leuchtenhersteller Oligo Lichttechnik GmbH hat sich eQ-3 als Partner ausgesucht, um das eigens entwickelte LED-Schienensystem Smart.Track in eine komplexe Hausautomation einzufügen. Anders verhält es sich hier mit dem Anbieter Innogy bzw.

RWE: Die meisten angebotenen Geräte werden zwar von eQ-3 hergestellt, Innogy setzt allerdings auf eine andere Verschlüsselung der Daten, so dass keine Kompatibilität gewährleistet ist. Ansonsten lassen sich mit HomeMatic sowohl Funk- (868,3 MHz) als auch kabelgebundene Netzwerke aufbauen, um nahezu jeden Bereich im Smart Home komfortabel anzusteuern. Der Funktionsumfang reicht von der Beleuchtung über die Klimatisierung bis hin zur Haussicherheit und die Kommunikation erfolgt über die zentrale Steuereinheit CCU2 im Heimnetzwerk.

Das neue System HomeMatic IP, welches auf IPv6 setzt, unterscheidet sich bzgl. der Konfiguration und Bedienung deutlich von HomeMatic. Insbesondere die Erstinbetriebnahme und die optionale Erweiterung sind für den Einsteiger einfacher zu realisieren, als dies mit der Standardausführung von HomeMatic der Fall ist. Waren der Funktionsumfang und die verfügbaren Module anfänglich doch eher bescheiden, so hat das System inzwischen nahezu alle Bereiche abgedeckt. Allerdings gibt es innerhalb der Systeme Kompatibilitätsprobleme bzw. kann nur die Steuereinheit CCU2 auch HomeMatic IP-Geräte ansprechen. Dafür hat sich eQ-3 mit dem neuen System komplett geöffnet, denn es steht für alle anderen Hersteller zur Verfügung und ist somit aus der Beschränkung der proprietären Systeme raus. Kritik gibt es für die ausschließliche Steuerung über das Internet, welches als Risikopotenzial eingestuft wird, aber das System gleichzeitig auch tauglich für IoT macht.

Elegant – Q-Wave

Das Funkprotokoll Q-Wave arbeitet ebenfalls auf 868,3 MHz und ist eine Eigenentwicklung des jungen deutschen Unternehmens Coqon (bzw. neusta next) aus Bremen. In erster Linie ging es bei der Entwicklung um die Vereinfachung der Systemsteuerung in einem vorhandenen Stromnetz und die Gestaltung von designtechnisch attraktiven Steuerungselementen. Neben Q-Wave ist die Basisstation qbox auch in der Lage, das offene Funkprotokoll Z-Wave anzusprechen, jedoch gewährleistet der Hersteller die hohe Netzsicherheit nur für das eigene Protokoll. Trotzdem steht durch diese Kompatibilität ein entsprechender Geräte – umfang zur Verfügung, der das firmeneigene Produktportfolio öffnet. Doch auch dieses erweist sich inzwischen als äußerst umfangreich: Kameras, Heizkörperthermostate, Unterputzschaltaktoren und Zwischenstecker, Bewegungsmelder, Fensterkontakte, Jalousien-Steuerungen und sogar ein flaches HiFi-System zur Montage an der Wand stehen zur Verfügung, um das Angebot möglichst abzurunden.

Die Grafik zeigt die Möglichkeiten der Anbindungen an ein HomeMatic System auf. (Bild: Qivicon, eQ-3 AG)

Die Steuerungszentrale wird mit dem WLAN verbunden und für die Bedienung mit dem Smartphone oder Tablet stehen Apps für Android und IOS zur Verfügung. Die eigent – liche Einrichtung erfolgt über die genannten Geräte oder am stationären PC. Die Qbox ist mit der Coqon-Cloud, die sich auf einem deutschen Server befindet, verbunden. Das soll für weitere Sicherheit gegenüber Hackerangriffen sorgen. Auch die Anbindung neuer Aktoren und Sensoren erfolgt einfach per QR-Code Scan und trägt dazu bei, dass der Anspruch eines einfach zu installierenden und zu bedienenden Systems aufrechterhalten bleibt.

Bidirektional – io-homecontrol

Ursprünglich wurde das Automatisierungssystem io-homecontrol vom französischen Unternehmen Somfy entworfen. Inzwischen wird es jedoch vom Tochterunternehmen io-homecontrol Association weiterentwickelt und verwaltet. Dabei handelt es sich ebenfalls um ein funkbasiertes System, welches den Frequenzbereich zwischen 868–870 MHz nutzt. Allerdings kann es auch mit kabelgebundenen KNX-Systemen zusammenarbeiten. Eine gro – ße Besonderheit im Vergleich zu den anderen Lösungen ist die bidirektionale Kommunikation zwischen den Aktoren und der Steuerzentrale. Das bedeutet, dass grundsätzlich vom Aktor eine Rückmeldung erfolgt, ob der erteilte Befehl auch tatsächlich ausgeführt wurde. Eine im professionellen Bereich nicht zu unterschätzende Funktion, um eine möglichst hohe Funktionsgarantie zu erhalten.

Ebenso eine Besonderheit ist die 128-bit- Verschlüsselung, die alle Daten, die zwischen der Fernbedienung und den anderen Komponenten der Hausautomation ausgetauscht werden, schützt. Der Schwerpunkt des Produktangebots liegt zwar nicht unbedingt bei der Beleuchtungslösung, obwohl es diesbezüglich auch entsprechende Aktoren gibt. Aufgrund der problemlosen Ergänzung mit einem KNX-System fällt das jedoch nicht weiter negativ auf. Durch die Kombination aus dem bidirektionalen Design und der durchgängig starken Verschlüsselung bietet io-homecontrol einen hohen Sicherheitsstandard, ohne den Bedienkomfort spürbar zu beeinträchtigen.

Kabelgebunden – LCN

Die Issendorf KG mit Sitz in Rethen und Sarstedt hat bereits vor knapp 25 Jahren das kabelgebundene Gebäudemanagement LCN vorgestellt und bietet dies nach wie vor mit den zeitgemäßen Updates und Steuerungs – optionen an. Dabei unterscheidet es sich maßgeblich von den anderen Systemen durch die Informationsübermittlung, die klassisch über eine vierte Ader des verlegten Stromkabels erfolgt. Die jeweiligen Module werden zusätzlich zu den vorhandenen Systemkomponenten zwischengeschaltet und können sowohl Aktor als auch Sensor sein. Die Kommunikation erfolgt bidirektional, so dass die erfolgten Befehle von zentraler Stelle aus kontrollierbar sind.

Das LCN-HL4 beherrscht die Ansteuerung der LEDs nach dem HSB- und RGB-Farbmodell. (Bild: Issendorff KG)

Ein LCN-System kann linien-, stern- oder baumförmig aufgebaut werden und in einem Bussegment können maximal 250 Module betrieben werden. Durch eine übergeordnete Ebene werden Bussegmente zusammengefasst, die wiederum 120 Segmente enthalten können. Ein LCN-System kann so in der Summe aus maximal 30.000 Modulen bestehen, was wohl vielen denkbaren Anwendungen gerecht werden sollte. Über Fremdanbieter kann das System auf eine Steuerung per Smartphone, Tablet oder ein Touchdisplay erweitert werden und hat somit den Anschluss an andere rein funkbasierte Systeme gefunden.

Minimalistisch – digitalStrom

Das Schweizer Unternehmen digitalStrom setzt wie letztendlich alle Anbieter auf eine einfache, möglichst preiswerte und übersichtliche Installation des Steuerungssystems. Je nach Anspruch und Ansicht ist dies dem Unternehmen eventuell auch besser gelungen. Denn die einzelnen Komponenten erscheinen nicht nur logisch bzgl. der Installationsweise, sondern sind auch ausgesprochen dezent von der Unterbringung und sogar leicht verspielt, was das Design angeht. So wird die zentrale Einheit, das Digitalstrommeter, direkt im Sicherungskasten eingebaut und die jeweiligen Steuerkomponenten hinter den jeweiligen Steckdosen bzw. Schaltern. Ein zusätzliches Kabel ist nicht erforderlich, da die Komponenten der Hausautomation über das bestehende Stromnetz angesteuert werden.

Eine digitale Vernetzung über WLAN ist dennoch möglich, so dass die üblichen Steuergeräte wie Smartphone und Tablet genutzt werden können. Der eigene Firmenserver stellt die Schnittstelle der Anlage zum Internet dar, wodurch ein Fernzugriff außerhalb des Hauses ermöglicht wird. Neben der klassischen Lichtregulierung lassen sich Komponenten zur Sicherheitsüberwachung installieren und unterschiedliche Klemmen bspw. für die Dunstabzugshaube, Jalousien und die Heizung multi – funktional steuern. Zeitschaltung, benutzerdefinierte Handlungen, Anwesenheitssimulationen und eine Verbrauchsanalyse sind weitere Funktionalitäten, die das Gesamtangebot abrunden. Als Zielgruppe definiert das Unternehmen ganz klar Personen, die sich mit der eigentlichen Technik nicht umfangreich beschäftigen wollen und trotzdem in den Genuss eines komfortablen Smart Homes kommen möchten. Doch durch die wachsende Anzahl der verfügbaren Apps und Erweiterungsmöglichkeiten finden auch Technikbegeisterte ihre Erfüllung.

Lichtbezogen – vitaLED

Der im Sauerland ansässige Leuchtenhersteller Brumberg setzt bei der Lichtsteuerung auf sein eigenes System vitaLED, welches die jeweiligen Produkte über WLAN bzw. Bluetooth anspricht. Es handelt sich dabei um eine 4-Kanal-Steuerung für die drei RGB-Farben und die Anpassung der weißen Lichtfarbe. Für die Realisierung dieser Anwendung sind ein Bluetooth-Verteiler, entsprechende Verbindungskabel, ein Netzgerät und die entsprechenden LED-Leuchten aus dem Sortiment des Herstellers notwendig. Die für den Anwender kostenlose App steht für iOS und Android zur Verfügung und kann sowohl auf dem Tablet als auch auf Smartphones eingesetzt werden. Es lassen sich nicht nur unzählige Farben und Helligkeitswerte mischen, sondern auch Farbübergänge detailliert und flexibel definieren.

Der Logik von Smart Home folgend ist das Brumberg SmartLighting-Modul intuitiv über eine smarte Bedienoberfläche steuerbar. Diese ist für verschiedene Endgeräte optimiert.

Alternativ lassen sich die Leuchten nach wie vor auch über konventionelle Schalter einstellen, den vollen Funktionsumfang genießt man jedoch erst über die komplexe Steuerung per App. Die intuitiv zu bedienenden Funktionen sind sicherlich sehr komfortabel, die offensichtliche Beschränkung auf das hauseigene Produktportfolio ist derzeit jedoch eventuell für manchen Anwender ein Argument, sich mit umfangreicheren Systemen zu beschäftigen. Allerdings lässt sich über die API-Schnittstelle das Brumberg-System in andere Smart-Home-Installationen integrieren und erweitern.

Fazit

Die Frage, für welches System sich der Planer oder Anwender letztendlich entscheiden soll, entwickelt sich wie bei vielen anderen technologischen Anschaffungen, die sich nicht mehr in der Experimentierphase befinden, inzwischen zu einer Glaubensfrage. Unterschiede sind zwar vorhanden, jedoch durch optionale Erweiterungen und Anbindungen an andere Lösungen nahezu nicht relevant. Erfahrungen und emotionale Empfindungen werden den Ausschlag geben, welchem Anbieter der Interessent am meisten vertraut.

Denn eines steht fest: Entscheidet man sich für eine proprietäre Lösung, die den offenen Systemen auf den ersten Blick aufgrund der Übersicht und der Konzentration auf wesentliche Anwendungen einfacher zu erfassen scheint, so steht doch die garantierte Komponentenverfügbarkeit und ein anhaltendes Ausbaupotenzial an ganz hoher Stelle der Kaufentscheidung. Und spätestens hier kann der Entscheider nur hoffen und glauben. Eine Garantie, welche Systeme weiter ausgebaut werden und eventuell in fünf Jahren noch am Markt verfügbar sind, kann und wird keiner geben.

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