Der Klang ist König!

Beschallung der Kultur- und Kongresshalle kING Ingelheim

Mit einem vorrangig zur elektronischen Nachhallzeitverlängerung eingesetzten System verfügt die multifunktional nutzbare Kultur- und Kongresshalle kING Ingelheim über ein vielbeachtetes Alleinstellungsmerkmal, dessen Strahlkraft weit über die Region hinausreicht. Die Betreibergesellschaft rührt eifrig die Werbetrommel: Audiotechnik auf hohem Niveau wird in Ingelheim (auch) als Marketing-Instrument verstanden.

Kultur- und Kongresshalle kING
(Bild: Jörg Küster)

Obwohl Ingelheim tendenziell eher mit Karl dem Großen sowie einer unter dessen Ägide errichteten Kaiserpfalz in Verbindung gebracht wird, ist man am Rhein auch gegenüber anderen royalen Dienstgraden aufgeschlossen: So hat man der neuen Kulturund Kongresshalle der selbsternannten „Rotweinstadt“ den Titel kING verliehen. Das kleine „k“ steht für Kultur und Kongresse, die seit August 2017 in INGelheim eine in jeglicher Hinsicht spektakuläre Location vorfinden. Die Frage, ob es sich um der/die/das kING handelt, wird in der rheinland-pfälzischen Gemeinde lebhaft diskutiert – gemäß Sprachregelung der Betreiber wird der Multifunktionshalle in diesem Artikel das Femininum als grammatikalisches Geschlecht zugeschrieben.

Anzeige

Polygon-Solitär

Bereits die äußere Erscheinung unterstreicht den außerordentlich hohen Anspruch der kING: Das von Lieb + Lieb Architekten BDA entworfene Veranstaltungshaus setzt sich als beeindruckender Polygon-Solitär in Szene, der am umgestalteten Neuen Markt weithin sichtbar die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Inneren greift ein repräsentatives Foyer die Formensprache der Fassade auf und erscheint Besuchern als luftig-luxuriöse Loggia. Prunkstück des Hauses ist der Große Saal, dessen audiotechnische Ausstattung zentrales Thema dieses Reports ist. Zusätzlich zum Saal stehen in der kING fünf flexibel nutzbare Tagungsräume zur Verfügung. Betreiber und Vermarkter der barrierefrei konzipierten Spielstätte ist die Ingelheimer Kultur und Marketing GmbH (IKuM).

Einer für alles

Der Große Saal weist bei einer Höhe von 11,9 m eine Fläche von 545 m2 auf. Die umlaufende Empore erstreckt sich über 285 m2, woraus eine Gesamtfläche von 830 m2 resultiert – viel Platz für bis zu 1.000 Gäste, die je nach Veranstaltungsart auf unterschiedlichen Bestuhlungsvarianten Platz nehmen. Im Gegensatz zu einem klassischen Theater verfügt die kING nicht über ein Bühnenhaus. Theatertypische Technik ist dennoch vorhanden: Unterhalb der aus dem Zuschauerraum schwarz erscheinenden Decke befindet sich eine begehbare Gitterrostebene mit zahlreichen DGUV V17 Motorkettenzügen (ASM OttO 500) und allerlei anderem Equipment.

Für die Planung von Medientechnik, Beschallung und Raumakustik war die Ingenieurgesellschaft Graner + Partner aus Bergisch Gladbach verantwortlich. „Als Planer steht man bereits sehr früh mit dem Kunden in Kontakt, und für uns reicht die Projekthistorie bis in das Jahr 2012 zurück“, berichtet Dipl.-Ing. Manuel Marx, der das Vorhaben im Auftrag von Graner + Partner gemeinsam mit seinem Kollegen Dipl.-Ing. Dominik Schenke von Beginn an begleitete. „In enger Abstimmung mit den Bauherren wurden zunächst die Anforderungen an die neue Spielstätte eruiert.

Von Beginn an war klar, dass die Halle derart ausgelegt sein sollte, dass in ihr prinzipiell sämtliche Arten von Veranstaltungen ausgerichtet werden können. Eine solche Anforderung wird bekanntermaßen bei vielen Projekten gestellt – insbesondere, wenn noch nicht in allen Details klar ist, wie ein Haus letztlich genutzt werden soll. Im Fall von Ingelheim kristallisierte sich jedoch rasch heraus, dass sich der Bauherr intensiv Gedanken über die spätere Nutzung gemacht hatte und die Genre-übergreifende Bespielung der Halle tatsächlich auch umsetzen wollte. Ganz oben auf der Liste stand eine hochwertige konzertante Nutzung des Saals, aber auch Rockkonzerte, Partys, Tagungen, Kongresse und sogar Filmvorführungen sollten im kING beste Bedingungen vorfinden.“ Pro Jahr sollen künftig mehr als 100 Veranstaltungen ganz unterschiedlicher Couleur in der kING stattfinden.

Wer die Wahl hat …

Die Bauherren, die Wohnungsbaugesellschaft Ingelheim am Rhein GmbH, wurden von Graner + Partner hinsichtlich möglicher Gestaltungsoptionen umfassend beraten. Dabei wurde auch eine variable Raumklanggestaltung mithilfe bewährter mechanischer Mittel diskutiert, beispielsweise verfahrbare Akustiksegel, ausschwenkbare Wandelemente/Absorptionsflächen und ankoppelbare Raumvolumina. Diese und ähnliche Maßnahmen, die aus etablierten Konzertsälen wie dem KKL Luzern durchaus bekannt sind, bieten jedoch aus wirtschaftlicher Sicht ein nur geringes Maß an Flexibilität im Vergleich zum hohen Bauaufwand. Damit die große Bandbreite unterschiedlicher akustischer Situationen bei unverändert hohem Qualitätsanspruch umgesetzt werden konnte, kam unweigerlich die Möglichkeit einer elektroakustischen Manipulation der Raumakustik zur Sprache.

Die kING an einem kalten Herbstmorgen
Beeindruckender Polygon-Solitär: die kING an einem kalten Herbstmorgen (Bild: Jörg Küster)

Um den Bauherren das eher in Fachkreisen bekannte Prinzip der „aktiven Raumakustik“ sowie die am Markt verfügbaren Optionen nahezubringen, wurden mehrere Systeme zur elektronischen Nachhallzeitverlängerung in Augenschein genommen und bei Besuchen in Showrooms sowie in realen Installationen angehört. Im Rahmen der Evaluierung stand auch ein Besuch in Tallinn auf dem Programm – in Estlands Hauptstadt ist in der Nokia Concert Hall ein Meyer Sound Constellation Acoustic System installiert. „Während des Begutachtungsprozesses hat sich herausgestellt, dass der Ansatz von Meyer Sound sowohl Fachleute als auch Laien überzeugen kann und sich bezüglich Konzept wie Ergebnis äußert positiv von manchen anderen Angeboten abhebt“, so Manuel Marx.


Gespräch mit Christoph Keller – technischer Leiter kING

Christoph Keller
Christoph Keller (Bild: Jörg Küster)

„Mit der ganzen neuen Technik hier im Haus fühle ich mich manchmal wie ein Kind im Bällebad“, sagt Christoph Keller schmunzelnd über seine Arbeit als Technischer Leiter in der kING Ingelheim. Keller ist „Meister für Veranstaltungstechnik“ sowie „Sachkundiger für Anschlagmittel in der Veranstaltungstechnik“ und kann u. a. auf eine 15- jährige Tätigkeit in den Rhein-Main- Hallen verweisen. Keller: „Nach der Eröffnung haben wir bei der Medientechnik keine Kinderkrankheiten festgestellt, und es wurde lediglich vereinzelt noch an ganz kleinen Stellschräubchen gedreht. Alle Beteiligten haben bei dem Projekt einen super Job gemacht, und in der kING lässt es sich sehr gut arbeiten!“

Zum Constellation System äußert sich Christoph Keller wie folgt: „Bei klassischen Konzerten sollte man sich mit den Künstlern auseinandersetzen und vorab mit dem Dirigenten besprechen, wie er die Akustik im Saal gerne haben möchte. Die Bedienung des Systems ist relativ einfach: In den Presets wird zunächst der Raum als solcher grundlegend definiert – also ob das Schwenkparkett aus- oder eingefahren und die Trennwand hinten offen oder geschlossen ist. In einem zweiten Schritt wird ein zur jeweiligen Darbietung passendes Preset aufgerufen. Die Besucher bekommen in der Regel gar nicht mit, dass sie nicht die natürliche Raumakustik hören, da wir die Anlage vor Beginn einer Veranstaltung aktivieren und sie zwischendurch nicht aus- oder umschalten.“


Acoustic first!

Damit ein System zur elektronischen Nachhallzeitverlängerung die bestmögliche Wirkung entfalten kann, sollte es idealerweise gemeinsam mit der Raumakustik geplant werden. Das war in Ingelheim der Fall: „Als Fachplaner hat Graner + Partner in Ingelheim mehrere für den Bau relevante Bereiche aus einer Hand betreut“, berichtet Manuel Marx. „Wir haben nicht nur die Medientechnik geplant, sondern auch die bauliche Raumakustik sowie weitere Aspekte verantwortet. Insbesondere bezüglich der erforderlichen raumakustischen Maßnahmen konnten wir den Architekten detailliert beraten.“

Klares Ziel dürfte in diesem Zusammenhang gewesen sein, den Saal in seinem Ausgangszustand möglichst „trocken“ zu bekommen: Eine Verlängerung der Nachhallzeit mittels eines elektroakustischen Systems ist aus naheliegenden Gründen deutlich einfacher zu bewerkstelligen, als den negativen Auswirkungen einer „halligen“ Akustik entgegenwirken zu wollen. Manuel Marx betont, dass eine gute Ausgangssituation für das Ingelheimer Projekt „extrem wichtig“ gewesen sei und auf diesen Aspekt auch bei internationaler Betrachtung leider meist viel zu selten Wert gelegt wird. „Die gute Akustik des Saals war und ist aus unserer Sicht der Schlüssel für den Erfolg des Projekts“, so Marx. „Wir haben uns bemüht, in der Halle einen flachen Nachhallzeitverlauf mit hoher Diffusität zu erreichen – ähnlich einem Tonstudio.

tella-4C Decken-Installationslautsprecher über der Empore
Die runden Stella-4C Decken-Installationslautsprecher über der Empore sind Teil des Meyer Sound Constellation Systems. (Bild: Jörg Küster)

Die Wände der umlaufenden Vorsatzschale bestehen aus perforiertem Holz mit hinterlegtem Dämmmaterial, was für gute Absorptionseigenschaften bis hinab zu den tieferen Frequenzen sorgt. Zu messen ist heute eine T60 von etwa 0,8 Sekunden, was angesichts der Dimension des Raums sehr kurz ist.“ Dipl.-Ing. Dominik Schenke ergänzt: „In herkömmlichen Sälen ist oft ein starker Anstieg der Nachhallzeit hin zu den tiefen Frequenzen auszumachen. In Ingelheim konnten wir diesem Effekt entgegenarbeiten: Es gibt zwar weiterhin einen leichten Anstieg im Low- End, der allerdings durchaus gewollt ist und subjektiv in einem etwas wärmeren Klangeindruck resultiert. In der Gesamtbetrachtung ist die durchschnittliche Nachhallzeit von etwa 0,8 Sekunden frequenzunabhängig gegeben.“

Die Akustik im fensterlosen Saal verändert sich je nach Nutzung: Passend zur multifunktionalen Ausrichtung der kING verfügt das Haus nicht nur über ein Hubpodium (6 x 10 m bis 8 x 17,5 m), sondern auch über ein per Schubkettentechnik bewegbares, rund 40 t schweres Schwenkparkett, das sich im hinteren Teil des Saals bei Bedarf sicherheitskontaktüberwacht zu einer treppenförmigen Tribüne mit ansteigenden Gestühl ausfahren lässt. Im Falle einer konzertanten Nutzung ist auf diese Weise von jedem Sitzplatz eine gute Sicht auf die Bühne gewährleistet. Dass sich das Raumvolumen je nach Einsatz von Hubpodium und Schwenkparkett ändert, wird bei der elektronischen Nachhallzeitverlängerung berücksichtigt: In der Mediensteuerung sind passende Presets hinterlegt, die sich über Touchpanels abrufen lassen.

Integration

Das System zur elektronischen Nachhallzeitverlängerung wurde von Graner + Partner unter Hinweis auf die geforderte Qualität produktneutral ausgeschrieben. Die europaweite Ausschreibung über die gesamte Medientechnik konnte die Frankfurter Niederlassung von Amptown System Company (ASC) für sich entscheiden. Federführend für ASC wurden Jörg Küchler, Niederlassungsleiter ASC Frankfurt, und Damian Mucko, ASC Projektleiter, tätig.

Manuel Marx spricht von einer „engen Handin- Hand-Zusammenarbeit zwischen ASC, Meyer Sound und Graner + Partner“, welche nach seinen Worten „sehr gut geklappt“ hat. Um die Integration des Constellation Systems in den Baukörper kümmerte sich Graner + Partner in enger Abstimmung mit ASC und dem verantwortlichen Architekten. „Beim Einsatz sehr vieler Lautsprecher und Mikrofone besteht entweder die Möglichkeit, die Boxen deutlich in Szene zu setzen oder sie visuell so unauffällig wie möglich in den Baukörper zu integrieren“, erläutert Manuel Marx.

Kultur- und Kongresshalle kING: Das per Schubkettentechnik bewegbare, rund 40 t schwere Schwenkparkett ist auf diesem Foto komplett ausgefahren.
Das per Schubkettentechnik bewegbare, rund 40 t schwere Schwenkparkett ist auf diesem Foto komplett ausgefahren. (Bild: Jörg Küster)

In Ingelheim entschied man sich für Letzteres: Die dem Constellation Acoustic System zugeordneten Lautsprecher sind vielfach hinter akustisch transparenten Textilbespannungen versteckt oder als Deckeneinbaulautsprecher nahtlos in die Architektur integriert. Sogar größere Lautsprecher wie etwa die Subwoofer hat ASC dank der in einer Distanz von 60 cm zur Betonwand montierten Wandvorsatzschale problemlos in Position gebracht. Dabei wurde darauf geachtet, den umgebenden Zwischenraum nicht unnötig anzuregen – die Tonwiedergabe erfolgt frei von störenden Vibrations- oder gar Klappergeräuschen. Für die Anbringung wurden von ASC spezielle Halterungen mit langen Auslegern gefertigt, dank derer die Speaker knapp vor der textilen Bespannung montiert werden konnten. Isolierende Gummimatten verringern die Übertragung von Vibrationen.

Ein neuer Qualitätslevel

Meyer Sound versteht das hauseigene Constellation Acoustic System als Turnkey-Solution. „Wie bei jeder Technologie benötigt man ab einen gewissen Punkt den Produkt-Support des Herstellers“, sagt Manuel Marx. Dominik Schenke ergänzt: „Für das Vorhaben in Ingelheim konnten wir nur bedingt auf Erfahrungswerte zurückgreifen, da es sich um die erste Installation von Constellation in Deutschland handelt, bei der das Hauptaugenmerk auf die Nachhallzeitverlängerung gerichtet ist.

Es gibt zwar bereits einen Einsatz im Hamburger Stage Operettenhaus, in dem das System jedoch vollkommen anders genutzt und lediglich für spezielle Effekte herangezogen wird. Mit Graner + Partner haben wir bereits in der Vergangenheit Systeme zu Nachhallzeitverlängerung konzipiert, die allerdings bedingt durch die rasche Entwicklung der Technik mit den heutigen Möglichkeiten nicht direkt vergleichbar sind. In Ingelheim konnten wir aufgrund der inzwischen sehr leistungsstarken digitalen Signalbearbeitung sowie der hochwertigen Mikrofone und Lautsprecher einen ganz neuen Qualitätslevel erreichen!“

DSP-Plattform und Mikrofone

Von Meyer Sound übermittelte Vorgaben bezüglich der Positionierung von Mikrofonen und Lautsprechern wurden bei der Planung des Constellation Systems berücksichtigt. Die Systemkomponenten wurden passend zur konkreten Aufgabe skaliert, was letztlich in der aktuellen Ausstattung mit 181 Meyer Sound Lautsprechern, 32 Mikrofonen, zwei D-Mitri Core-Prozessoren (DCP), einer Core-Matrix (DCM-2), drei DVRAS-Units sowie den zugehörigen I/O-Einheiten (DAI-24, DAO-24, DAIO- 168) resultierte.

Im Großen Saal der kING: Meyer Sound MINA „Compact Curvi - linear Array“-Lautsprecher
Für konventionelle Beschallungsaufgaben hat ASC im Großen Saal der kING ein PA-System installiert, das u. a. geflogene Meyer Sound MINA „Compact Curvi – linear Array“-Lautsprecher beinhaltet. (Bild: Jörg Küster)

Meyer Sound D-Mitri ist eine über Gigabit-Ethernet vernetzbare DSP-Plattform für die Verarbeitung von Audiosignalen, die Input/ Output-Handling, Processing, Matrixmischung, Routing und Lautsprechermanagement vereint. Sie unterstützt Abtastraten bis 96 kHz bei Wortbreiten bis 24 Bit und arbeitet intern mit einer 64-bit-Floating-Point-Signalverarbeitung. Das skalierbare System unterstützt IEEE 802.1 AVB, OSC und Python-Scripting. Jeder D-Mitri Core-Processor ermöglicht eine umfassende Signalbearbeitung für 72 Eingänge, 72 Busse und 72 Ausgänge. Zusätzlich zu den analogen Ein- und Ausgängen sowie der Unterstützung von AVB-Ethernet sind bei D-Mitri Verbindungen via CobraNet und AES/EBU möglich. Anschlüsse für SMPTE-Timecode, MIDI, RS232, RS422, WordClock sowie als Relais- und Schließkontakte ausgeführte GPIO-Ports sind vorhanden.

Bei den Constellation Mikrofonen handelt es sich um speziell selektierte OEM-Produkte mit unterschiedlichen Richtcharakteristiken. Im Bereich des Orchesters kommen in Ingelheim andere Mikrofone in einem geringeren Abstand sowie in einem anderen Raster zum Einsatz als oberhalb der Zuhörerfläche. Oberhalb der Bühnenfläche sind 4 x 4 Mikrofone an über Prospektzüge verfahrbaren Laststangen angebracht, so dass ihre Höhe passend zum ein- oder ausgefahrenen Podium gewählt werden kann. Beachtung muss dabei der Lüftung geschenkt werden, die möglichst nicht direkt auf die empfindlichen Kapseln gerichtet sein sollte.

Die Mikrofone können zur Aufzeichnung von Konzerten verwendet werden, wobei erfahrene Tonmeister insbesondere im Klassikkontext sicher ergänzende Stützmikrofone aufbauen werden. „Wichtig für ein überzeugendes Ergebnis ist unter anderem der Abstand der Mikrofone zu den Lautsprechern sowie die Distanz zwischen Lautsprechern und Publikum“, weiß Manuel Marx. „Bei der Planung mit AutoCAD bewegt man sich in einem 3D-Modell und legt virtuelle Ballons um die Lautsprecher, um Überschneidungen erkennen zu können. Die das Constellation System in Ingelheim ergänzende Prosound- Anlage wurde mit EASE simuliert.“

kING: Ein zum Constellation System gehörendes Mikrofon oberhalb des Orchesterbereichs
Ein zum Constellation System gehörendes Mikrofon oberhalb des Orchesterbereichs (Bild: Jörg Küster)

Constellation arbeitet auf Basis von zwei Prinzipien, wie Manuel Marx erläutert: „Das sogenannte regenerative Verfahren funktioniert über eine Schleifenverstärkung. Im Prinzip handelt es sich um eine Rückkopplung, die allerdings derart gering eingestellt ist, dass sich das Signal nicht übermäßig aufschwingt und es nicht zu einem unangenehmen Pfeifen kommt. Als zweites Element kommt bei Meyer Sound das ausgeklügelte Signal-Processing hinzu.“

Dominik Schenke: „Das System ist in Ingelheim selbstverständlich derart eingestellt, dass es nicht zu unerwünschten Rückkopplungen kommt. Während der Testphase haben wir die Grenzen des Möglichen ausgelotet – die Feedback-Schwelle liegt derart hoch, dass sie in der Praxis nicht erreicht wird. Darüber hinaus sind Detaileinstellungen, mit denen sich eine solche Situation überhaupt erst hervorrufen ließe, für den Endanwender nicht zugänglich. Alle Presets sind so eingerichtet, dass im laufenden Betrieb nichts passieren kann.“ Constellation wird im kING ebenso wie die übrige Medientechnik von einer USV gepuffert, so dass ein eventueller Stromausfall nicht unmittelbar zur Unterbrechung einer laufenden Veranstaltung führen würde – nach fünf Minuten USV-Betrieb springen Dieselgeneratoren an.


Signalfluss in ser kING

ASC hat den Signalfluss in Ingelheim derart ausgelegt, dass Audiosignale im gesamten Haus digital distribuiert werden. Im Fall der zum Constellation System gehörenden Lautsprecher werden die digitalen Audiosignale bis in die zu den Speakern gehörenden Netzteile geführt, wo sie auf die analoge Ebene umgesetzt werden und anschließend gemeinsam mit der Stromversorgung zu den Ausgabepositionen gelangen. Die drei in der kING verteilten Technikräume sind untereinander vernetzt – dass überhaupt separate Technikräume statt einer hausübergreifenden Zentrale spezifiziert wurden, hängt mit dem Wunsch nach sinnvollen kurzen Kabelwegen zusammen. „Ein einzelner zentraler Technikraum wäre losgelöst davon auch rein architektonisch schwer umzusetzen gewesen“, merkt ASC Niederlassungsleiter Jörg Küchler an.


Virtuelle Orchestermuschel

Constellation übernimmt in Ingelheim zwei Funktionen: Ein Teil des Systems ist für die Erzeugung einer künstlichen Orchestermuschel zuständig, während der andere Part die Raumakustik im Zuschauerraum prägt. Zwei D-Mitri Units waren somit zwingend erforderlich, während die dritte Einheit der Vielzahl der zu verarbeitenden Signale geschuldet ist: Jeder Lautsprecher wird mit einem eigenen Signal angesteuert. Die im Haus verteilten D-Mitri- Prozessoren arbeiten vernetzt als Verbund und teilen die verfügbaren Kapazitäten unter sich auf. Um eine virtuelle Orchestermuschel zu erzeugen, wurde die Zahl der Lautsprecher im betreffenden Areal gegenüber dem Zuhörerbereich deutlich erhöht. Die sonst üblichen geschwungenen Deckenreflektoren, die auf natürliche Weise für Schallreflexionen sorgen würden, sind in der kING nicht vorhanden. Die Orchestermuschel beziehungsweise die für sie typischen Reflexionen werden rein virtuell erzeugt. Ziel der Maßnahme ist, dass sich die klassisch ausgebildeten Musiker wohlfühlen und gegenseitig gut hören können.

kING: Video-Arbeitsplatz in einem Teilbereich des für den Großen Saal zuständigen Regieraums
Video-Arbeitsplatz in einem Teilbereich des für den Großen Saal zuständigen Regieraums (Bild: Jörg Küster)

Die finale Inbetriebnahme von Constellation erfolgte nach der von ASC verantworteten technischen Funktionsüberprüfung in zwei Schritten, wie Dominik Schenke erläutert: „Zunächst haben Systemtechniker von Meyer Sound das System grundlegend eingemessen und spielfertig gemacht. In einem zweiten Schritt haben Graner + Partner gemeinsam mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz eine am Gehör orientierte Überprüfung der Einstellungen vorgenommen. Es wurde bewertet, wie der Saal klingt und ob sich die Musiker auf der Bühne gegenseitig gut hören können – in diesem Zusammenhang wurden rein klangorientierte Feineinstellungen vorgenommen.“

kING: Drei prallvolle Technikracks für den Großen Saal: Links Steuerung/ Video, mittig Constellation, rechts Audio
Drei prallvolle Technikracks für den Großen Saal: Links Steuerung/ Video, mittig Constellation, rechts Audio (Bild: Jörg Küster)

Manuel Marx: „Zunächst war bei den Musikern des Staatsorchesters eine gewisse Skepsis zu spüren, aber bereits in der ersten Pause zeigten sich alle hoch begeistert, zumal die Möglichkeit bestand, auf individuelle Hörwünsche einzugehen: Durch die Vielzahl der individuell adressierbaren Mikrofone und Lautsprecher konnten Anregungen der Musiker umgesetzt werden, welche sich in einem konventionellen Konzertsaal kaum in vergleichbarer Form realisieren lassen würden.“


Infos am Rande

In das Tuning des Systems war Grammy-Preisträger John Pellowe (u. a. Luciano Pavarotti und „Die 3 Tenöre“) involviert, der seit einigen Jahren für Meyer Sound tätig ist und dem für Constellation zuständigen Entwicklungsteam angehört.


Variatio delectat

Bei Veranstaltungen werden in Ingelheim die Raumakustik bestimmende Presets passend zum jeweiligen Anlass gewählt. Es kann – selten allerdings – vorkommen, dass Voreinstellungen im Lauf des Abends verändert werden: Bestes Beispiel ist die offizielle Eröffnungsgalaam 18. August 2017, für deren bunt gemischtes Programm unterschiedliche Constellation-Presets genutzt wurden. Besucher werden nach Einschätzung von Manuel Marx durch derartige Wechsel nicht irritiert: „Die Veränderungen sind subtil, und wer sich als Laie ohnehin ganz auf die Bühnendarbietung konzentriert, wird einen Preset-Wechsel möglicherweise überhaupt nicht bemerken. Die Umschaltung sollte dabei von den Technikern natürlich nicht mitten im laufenden Geschehen, sondern während einer kurzen Pause vorgenommen werden. Dank Constellation ist es in Ingelheim erfreulicherweise so, dass die akustische Situation immer perfekt zu dem passt, was gerade auf der Bühne stattfindet: Wenn der Moderator spricht, ist die Akustik schön trocken und die Sprachverständlichkeit außerordentlich gut. Sobald das Orchester einsetzt, wird man als Zuhörer vom Klang umhüllt.“

Dominik Schenke (links) und Manuel Marx
Dominik Schenke (links) und Manuel Marx (Bild: Jörg Küster)

Im Gegensatz zu Ansätzen anderer Anbieter nehmen die Mikrofone bei Constellation auch gezielt Reaktionen des Publikums auf – es wird also nicht lediglich der Bühnenbereich virtuell verlängert. „Man bewegt sich als Gast akustisch tatsächlich im gesamten Raum so, als wenn man sich in einem großen Konzertsaal befände“, fasst Dominik Schenke seinen Eindruck zusammen. Die Ortung erlebt man im Zuschauerraum der kING dabei generell als passend zum (Bühnen-)Geschehen. Selbst bei konzentriertem Zuhören entstehen keine Irritationen, bei denen Signale als direkt aus Lautsprechern kommend registriert werden, da der Direktschall grundsätzlich zuerst an den Ohren der Hörer eintrifft.

Jörg Küchler (links) und Damian Mucko
Jörg Küchler (links) und Damian Mucko (Bild: Jörg Küster)

Technisch wäre es möglich, sich für besondere Theateraufführungen oder Elektromusik-Performances vom Konzept der elektronischen Nachhallzeitverlängerung zu lösen und Constellation bewusst für Effekte einzusetzen – nur als Idee, falls Kraftwerk einmal in Ingelheim gastieren sollte … Die Voraussetzungen für 3D-Sound-Applikationen sind ebenfalls gegeben. Die Anlage ist zwar nicht gemäß der bekannten Dolby- oder THX-Spezifikationen für Kinoanwendungen zertifiziert, ermöglicht aber dennoch eine an die x.1-Mehrkanalverfahren angelehnte Wiedergabe. Genutzt werden bei Filmvorführungen eine 9 m breite Roll- Leinwand von Atrium sowie ein Barco UDX-4K32 3-Chip-DLP-Laserphosphorprojektor mit 4K-Auflösung und einer Lichtleistung von 31.000 ANSILumen. Dieser ist geräuschgedämmt in einem separaten Projektionsraum untergebracht. Bei Pop- oder Rockkonzerten wird Constellation in der kING meist vollständig ausgeschaltet, um von der kurzen natürlichen Nachhallzeit des Raums profitieren zu können.

Ein Multifunktionsraum im Obergeschoss der kING
Ein Multifunktionsraum im Obergeschoss der kING (Bild: Jörg Küster)

Weitere Medientechnikkomponenten im kING

Die bereits mehrfach erwähnten Presets wurden von ASC programmiert und können über eine Mediensteuerung von Crestron abgerufen werden. Touchpanels sind an mehreren Positionen in der Location verfügbar. Eines der Panels ist im gut ausgestatteten Regieraum untergebracht, wo auch ein digitales Yamaha CL5-Tonmischpult zu entdecken ist, dessen Rio I/O-Units abgesetzt in einem Technikraum montiert sind. Audio-Netzwerkprotokoll der Wahl ist Audinate Dante, ansonsten finden DigitalMedia-Produkte (u. a. DM-MD32X32) von Crestron Verwendung. Das Yamaha-Pult lässt sich bei Bedarf auch im Saal anschließen – geeignete Bodentanks und Wandanschlusskästen wurden von ASC an diversen Stellen installiert. Constellation ist in Ingelheim grundsätzlich als in sich geschlossenes, dem Baukörper zugeordnetes System zu verstehen, aber für Anwendungen wie beispielsweise Filmvorführungen stehen Schnittstellen zur übrigen Tontechnik bereit.

Ergänzend zur großen Halle sind in der kING fünf Multifunktionsräume verfügbar, von denen zwei an das hintere Ende des Veranstaltungssaals angrenzen, so dass auf Wunsch nach dem Entfernen der Trennwand eine Kopplung mitsamt durchgehender Bestuhlung möglich ist. Jeder der fünf Räume kann autark betrieben werden und ist von ASC mit qualitativ hochwertiger Medientechnik ausgestattet worden. Die Beschallungskomponenten stammen ebenfalls von Meyer Sound. Erwartungsgemäß ist nicht nur die physische, sondern auch die medientechnische Verbindung von Räumen möglich.

Für Digital-Signage-Anwendungen sind an diversen Positionen in der kING POIDisplays installiert, die meist mit Veranstaltungsinformationen bespielt werden. Auf Wunsch kann ein Live-Stream der im Großen Saal installierten Dome-Kamera gezeigt werden – sowohl im Foyer als auch in den Künstlergarderoben mit Ton.

Weiterhin lässt sich auf den Samsung-Displays eine Uhr anzeigen, oder der Inspizient kann gezielt Rufzeichen an die Künstler übermitteln. Im Hintergrund arbeitet eine DS-Lösung von easescreen, an welche auch elektronische Touch- Türschilder angeschlossen sind.

Ein H.264-Stream lässt sich in der kING vielfältig nutzen, u. a. für Auswertungen auf YouTube. Für Ü-Wagen ist direkt am Haus eine Stellmöglichkeit mit einem passiven Leitungsnetz vorhanden. Insgesamt sind im Neubau drei Technikzentralen untergebracht, die im Dach, im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss neben der Regie zu finden sind. Eine durch ASC installierte Sprachalarmierungsanlage von Bosch gehört zur festen Ausstattung.


Ganz subjektiv …

Der Autor hatte Gelegenheit, einer von John Pellowe geleiteten Präsentation des Constellation Acoustic Systems im Großen Saal der kING beizuwohnen. Als Signalquellen dienten ein live spielendes Streichquartett, ein Trompeter, zwei Percussion-Klanghölzer zur Beurteilung der Impulswiedergabe und natürlich die Stimme von John Pellowe.

Fazit der rund 2,5-stündigen Demonstration: Die künstliche Nachhallzeitverlängerung funktioniert in der kING auch bei kritischem Hören überraschend gut und klingt frappierend naturnah, sofern geeignete Einstellungen zum Zuge kommen. Eine feinfühlige Vorgehensweise und ein musikalisches Verständnis für das auf der Bühne stattfindende Geschehen sind gefragt. Während der Begrüßung konnte man im Publikumsbereich problemlos zu der Auffassung gelangen, John Pellowes Stimme unverstärkt in der natürlichen Akustik des Saals zu hören. Der Aha-Effekt stellte sich ein, als Constellation zu Demonstrationszwecken kurz darauf vorübergehend abgeschaltet wurde.

Bei aktiviertem Constellation System besaß das Streicherquartett deutlich mehr „Glue“, welcher die Signale der einzelnen Instrumente vorteilhaft zu einer Einheit verschmolz, ohne die Gesamtheit dabei zu einem undifferenzierten Klangbrei gerinnen zu lassen. Geradezu unangenehm klar wirkte der Sound der solo gespielten Trompete, wenn Constellation nicht aktiviert war: Die bewusst sehr „trocken“ ausgelegte natürliche Akustik des Saals ließ Instrument und Intonation in einer Deutlichkeit vernehmen, die so in aller Regel für rein akustische Darbietungen nicht erwünscht sein dürfte.

Wichtig ist, dass optischer und akustischer Eindruck korrespondieren, da sonst auch tontechnische Laien unterschwellig merken, dass irgendetwas nicht stimmt: Die Akustik einer Tropfsteinhöhle passt schlichtweg nicht in einen edelholzvertäfelten Saal. Übrigens wäre wohl niemand der Anwesenden in der Lage gewesen, die vom Constellation System wiedergegebenen frühen Reflexionen sowie den Nachhall eindeutig bestimmten Lautsprechern zuzuordnen – so sollte es sein! Insgesamt wirkte der Klang in der Halle mit Constellation „schön“ im besten Sinn des Wortes.

John Pellowe handhabte das System in tonmeisterlicher Manier mit geschmackvoll gewählten Einstellungen, was den musikalischen Darbietungen auf der Bühne gerecht wurde. Vollkommen überzogen wirkte im direkten Vergleich dazu ein Surroundsound-Playback, das zwecks Demonstration des Akustiksystems im Auftrag der Hallenbetreiber erstellt worden war: Wie in einem Hollywood-Blockbuster rumste es brachial an allen Ecken, hallige Schritte bewegten sich durch den Saal und sogar der für plakative Surround-Demos wohl irgendwie unabdingbare Helikopterflug wurde nicht ausgelassen. Bei positiver Betrachtung war anschließend immerhin nachgewiesen, dass das System nicht ausschließlich für feingeistige Zusammenhänge geeignet ist …

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: