Produkt: Professional System 03/2019
Professional System 03/2019
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Shoppen mit Erlebnischarakter

Projektionen auf der Decke: Der Panoramahimmel im Einkaufszentrum „das Schloss“

Wie lässt sich eine 1.200 m2 große, um Ecken verlaufende Deckenfläche in eine durchgehende Projektionsfläche verwandeln – noch dazu, wenn Winkel und Unebenheiten ins Spiel kommen? Die Antwort darauf gibt der neu überarbeitete Panoramahimmel im Einkaufszentrum „das Schloss“ in Berlin-Steglitz, bei dem eine Vielzahl an Projektoren in Kombination mit der AV-Software Wings zum Einsatz kommen.

(Bild: Claudia Rothkamp)

Messing, Marmor, Granit, Stuck und hochherrschaftlich anmutende Fahrstühle – das Einkaufszentrum „das Schloss“ unterscheidet sich insbesondere mit seinem Interieur von anderen Malls. Hinzu kommt eine historisierende Fassade, die eine Brücke zum benachbarten neugotischen Rathaus schlagen soll. Die an das späte 19. Jahrhundert angelehnte Retro-Architektur des aus dem Jahr 2006 stammenden Neubaus an der Ecke Schlossstraße/Grunewaldstraße in Berlin-Steglitz stammt vom Berliner Architekten Manfred Pechtold, der hier den Wunsch der Bauherren nach einem Einkaufszentrum mit Alleinstellungsmerkmal und 36.000 m2 Verkaufsfläche umgesetzt hat.

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„Schon damals gab es ja den Trend zu immer mehr Shoppingcentern in Berlin und man hat nach Möglichkeiten gesucht, um sich abzugrenzen“, erzählt Carsten Paul, Centermanager von „das Schloss“ Steglitz, das zur Wealth Management Capital Holding gehört. „Deshalb war für WealthCap als Bauherr auch von vornherein klar, dass hier etwas Besonderes entstehen musste.“

Panoramahimmel als USP

Als Krönchen der mondänen Innenarchitektur verwandelt sich die gesamte Deckenfläche der Mall daher auf Wunsch in eine riesige, zusammenhängende Projektionsfläche. „Letztlich hat man hier ein ganzheitliches ‚Kunstprojekt‘ geschaffen – auch wenn die Deckenprojektion in den ersten Jahren noch nicht die Strahlkraft hatte, die man sich eigentlich vorgestellt hatte“, meint Carsten Paul. „Das war 2006 technisch einfach noch nicht so realisierbar, zumal die Projektierung schon einige Jahre zuvor begonnen hatte.

“Hinzu kam, dass LEDs damals noch viel zu schwer waren, um sie an der Decke befestigen zu können. Zum 10. Geburtstag des Einkaufszentrums im März 2016 ist aber eine technisch völlig neue und deutlich verbesserte Version des Panoramahimmels an den Start gegangen, die den Besuchern sozusagen ein Unterwasser-Shopping-Erlebnis bietet. Den Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde als größte zusammenhängende Projektionsfläche der Welt hat die 1.200 m2 große Deckenprojektion zwar nicht geschafft, dennoch ist sie in Größe und Umfang einzigartig.

Die Beamer sind in den „Lampenschirmen“ versteckt. (Bild: Claudia Rothkamp)

 

Während hier früher 24 Projektoren gegen das helle Tageslicht „gekämpft“ haben, sind nun insgesamt 78 Barco F32 Videoprojektoren im Einsatz, die von 15 Vioso-Medienservern angesteuert werden und Korallenriffe, Fischschwärme, Taucher und auch Meerjungfrauen an die Decke projizieren. Dabei beträgt die Gesamtauflösung immerhin etwa 14.000 mal 14.000 Pixel, die in einer L-Form angeordnet sind. Trotz dieses geballten Beamer-Einsatzes ist für die Besucher der Mall dennoch kaum ein Projektor zu sehen: Sie verstecken sich in Nachbildungen von Straßenlaternen, die der Anmutung her aus dem 19. Jahrhundert stammen könnten.

Mit Hitze und Staub auf Kriegsfuß

„Tatsächlich war das ursprünglich eine Idee des Architekten“, erzählt Carsten Paul. „Allerdings hatte er diese offen, also ohne Scheiben geplant, so dass die Projektoren in der ersten Zeit sichtbar waren. Später, erst in der Nutzungsphase, haben die Betreiber dann Plexiglasscheiben einfügen lassen, um die Beamer komplett aus dem Sichtfeld verschwinden zu lassen.“ Eine nachträgliche Änderung, die aus technischer Sicht durchaus ihre Tücken hat, weiß Silke Schirmer, Geschäftsführerin der F1 Gesellschaft für Informationstechnologien und Managementberatung mbH, die für die Realisierung des Gesamtprojektes zuständig war: „Da die Lampen nun nach allen Seiten und nach unten geschlossen sind und die Projektoren vertikal darin verbaut sind, kann die Wärmeabstrahlung der Projektoren nur nach oben entweichen.

Lediglich die am „Eiffelturm“ zwischen den Rolltreppen installierten Projektoren sind für jedermann sichtbar. (Bild: Claudia Rothkamp)

Die meisten Beamer halten das nicht lange aus.“ Entsprechend aufwendig und intensiv war die Suche nach geeigneten Geräten, die sich zunächst im Dauertest bewähren mussten. Ein weiteres Problem dieser Einbauart ist zwar eigentlich ganz banal – die Lösung dafür aber aufwendig: Staubwischen. Zwar sind die heute im Einsatz befindlichen Projektoren extra mit Staubschutzfiltern ausgestattet, aber ein 100%iger Schutz gegen eindringenden Schmutz ist das nicht. Daher müssen die Projektoren einmal pro Monat „geputzt“ werden – und das, obwohl sie teilweise nur mit Leiter oder Hubsteiger erreichbar sind. Im Falle der am „Eiffelturm“ installierten Projektoren ist sogar der Aufbau einer speziellen Rüstung erforderlich, die sich über die Rolltreppe spannt. Ein immenser Aufwand, der nur nachts, außerhalb der Öffnungszeiten betrieben werden kann.

 

Gesamtbild aus 49 Bildern

Eine der größten Herausforderungen bestand für Silke Schirmer darin, ein einzelnes, übergangsloses Bild ohne sichtbare Überlappungen zu erhalten. Denn das Gesamtbild setzt sich aus 49 Einzelbildern zusammen. Das bedeutet, dass im Prinzip jeder Projektor ein eigenes Bild an die Decke wirft – in manchen Fällen sind auch zwei Projektoren gleichzeitig in Doppelbespielung für ein Einzelbild zuständig. Für die Verschmelzung der 49 Einzelbilder kommen die Wings Avio und eine Kalibrierungssoftware von Vioso zum Einsatz.

Dabei werden Kameras dazu verwendet, um Warping- und Blendingeinstellungen für die Decke automatisch zu ermitteln. Durch Warping wird das Projektionsbild mittels der Software geometrisch so korrigiert, dass eine Projektion auf eine gebogene Fläche visuell korrekt ermöglicht wird. „Die allergrößte Herausforderung war wirklich, ein einzelnes Bild ohne sichtbare Überlappungen zu bekommen“, erinnert sich Silke Schirmer.

 

 

Lediglich die am „Eiffelturm“ zwischen den Rolltreppen installierten Projektoren sind für jedermann sichtbar. (Bild: Claudia Rothkamp)

„Das Vorgängersystem hatte keine Kalibrierung in Echtzeit, jetzt hingegen kann man auf Knopfdruck ein Bild in die Projektion einfügen und einer Ebene zuweisen.“ Für die einfache Bedienung wurde da rüber hinaus ein Drag&Drop Editor installiert, mit dem sich User Interfaces erstellen und bearbeiten lassen. Es kann von jedem Smartphone, Tablet oder anderem Touch-Gerät betrieben werden. Der Wings Avio Manager wiederum verbindet für die Systemsteuerung alle Software- und Hardwaretools miteinander – selbst wenn sie von verschiedenen Herstellern stammen.

 

Zeit, Platz und Energie gespart

Natürlich wurden im Zuge des technischen Updates nicht nur die Projektoren ausgetauscht, sondern auch sämtliche Medienserver, von denen es im alten System einen je Beamer gab. „Nun bespielt jeder Medienserver gleich vier Projektoren, was nicht nur Strom spart, sondern auch Platz“, erklärt Silvio Höhle, der als Servicetechniker von F1 das System betreut. „Außerdem sind sie weniger störanfällig, bieten über eine übersichtliche Weboberfläche eine bessere Bedienbarkeit und das System ist wesentlich schneller betriebsbereit als früher.

Jetzt muss man über die Haustechnik lediglich den Strom zuschalten und schon nach fünf bis maximal zehn Minuten kann die Show los – gehen. Zuvor dauerte der Startprozess etwa 45 bis 50 Minuten.“ Die Medienserver, die mit Windows 7 laufen und die Projektoren per LAN bespielen, sind über ein Clustersystem mit dem Stromkreislauf der Haustechnik verbunden – sobald die Rechner Strom erhalten, läuft grundsätzlich alles automatisch. Hand anlegen muss man lediglich, wenn man die Show wechseln möchte.

Auch Sound- und Videofiles können hier eingerichtet und mit einer zeitlichen Abfolge festgelegt werden. Denn generell ist die Unterwassershow auch mit Soundeffekten versehen, beispielsweise mit Walgesang oder dem Platschen, wenn der Taucher vom Boot ins Wasser springt. Der Sound wird über 24- Kanal-Lautsprechergruppen bespielt. Aus Rücksicht auf die Mitarbeiter im Einkaufszentrum wird aber während der Projektion häufig auf die Soundeffekte verzichtet. Das Centermanagement hat aber jederzeit die Möglichkeit, den Sound manuell über WLAN zuzuschalten.

Die neuen Medienserver sparen Platz, Zeit und Strom. (Bild: Claudia Rothkamp)

Einkaufen „unter Wasser”

Apropos Show: Die besteht aus einer faszinierenden Unterwasserwelt, die von dem Künstlerkollektiv Werft 6 aus Düsseldorf entwickelt wurde. Die Animationen für die komplett digital erstellte Unterwasserwelt sind mit MotionCapture-Aufnahmen von richtigen Tauchern zum Leben erweckt worden und auch die Meerestiere und der Meeresgrund wirken fast natürlich. Für Carsten Paul ein wichtiger Schritt, um die Möglichkeiten des Panoramahimmels zukünftig stärker als Alleinstellungsmerkmal zu nutzen: „Die Unterwasserwelt läuft derzeit zwar nur freitags, samstags und an verkaufsoffenen Sonntagen, damit der Abnutzungseffekt bei den Besuchern nicht zu hoch wird.

 


Nach Geschäftsschluss kommt die Unterwasserwelt besonders gut zur Geltung. (Bild: Claudia Rothkamp)

 

Wir haben aber bereits 2016 begonnen die Projektion stärker aktions-und eventbezogen einzusetzen.“ Beispiele dafür waren ein Special zur Fuß- ball EM und eine Halloweenprojektion, die von Mitte bis Ende Oktober an sämtlichen Verkaufstagen im Einkaufszentrum zu sehen war. Im Winter schloss sich eine Weihnachtsanimation an und für 2017 werden weitere fünf Specials umgesetzt. So konnten die Besucher der Mall bereits am Valentinstag interaktiv einbezogen werden. „Ganz wichtig ist uns dabei aber, dass der Panoramahimmel nicht zur Marketingoder Werbeplattform für einzelne Produkte oder Geschäfte wird“, meint Carsten Paul. „Vielmehr schwebt uns eine Art Story-driven Marketing vor. Der Panoramahimmel soll vor allem eine besondere Atmosphäre und einen Erlebnischarakter schaffen, der die Menschen anzieht und verzaubert.“


DATEN & FAKTEN

» BAUHERRSCHAFT HFS

Immobilienfonds das Schloss GmbH & Co.KG

» ARCHITEKT

· Manfred Pechtold, Berlin

» PANORAMAHIMMEL – KONZEPTION,

TECHNISCHE PLANUNG & INSTALLATION

· F1 Gesellschaft für Informationstechnologien und

Management – beratung mbH, Berlin, www.f1-gmbh.de und

Vioso GmbH, Düsseldorf

» CONTENT

· Werft 6 GbR, Düsseldorf

Produkt: Professional System 03/2019
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