Produkt: Professional System 03/2019
Professional System 03/2019
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Architekturlicht – Human Centric Lighting

Licht und Leuchten im Gesundheitswesen

Ob beim Arzt oder im Krankenhaus – grundsätzlich erwartet der Patient eine schnelle Genesung unter der Ausschöpfung aller zur Verfügung stehenden Mittel. Es steht außer Frage, dass die medizinischen Erkenntnisse und Methoden in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte zu verzeichnen haben. Doch seit einiger Zeit, insbesondere nach der Einführung der LED-Technik, spielt biologisch wirksames Licht für das Wohlbefinden und den Heilungsprozess eine immer größere Rolle …

Lichtatmosphäre im St. Olavs Krankenhaus
Die Schaffung der besonderen Lichtatmosphäre im St. Olavs Krankenhaus erforderte eine detaillierte Planung und Entwicklung für die Gebäudebereiche. Patientenzimmer, Flure, Bäder und Wohn-/Erholungsräume sind über ein gemeinsames Lichtmanagementsystem verbunden. (Bild: Glamox GmbH)

 

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Folgende Themen behandelt dieser Artikel:

Gesundes Licht, biologisch wirksame Beleuchtung, Human Centric Lighting – Schlagworte, die seit einigen Jahren in der Lichtbranche nicht mehr wegzudenken sind. Dabei geht es bei fast allen Ausführungen darum, der größtenteils nicht unter freiem Himmel befindlichen Bevölkerung auch in Gebäuden und Arbeitsstätten eine sonnenähnliche Beleuchtung zur Verfügung zu stellen. Der Grund dafür liegt in der physischen und psychischen Wirkung des Sonnenlichtes auf den Körper. Evolutionsbedingt ist der Mensch in seinem biologischen Rhythmus vom Verlauf des Tageslichtes abhängig. Helligkeit und Lichtfarbe haben einen maßgeblichen Anteil an den natürlichen Wach- und Schlafphasen. Insbesondere die blauen Lichtanteile (kalte Lichtfarbe) sorgen für erhöhte Aufmerksamkeit und können gegenteilig betrachtet zu Schlafstörungen führen. Die Ausschüttung des Hormons Melatonin wird entsprechend geblockt bzw. unter warmen Lichtfarben (kleiner 3.000 Kelvin) frei gesetzt.

Obwohl die positiven Auswirkungen einer Lichtsteuerung, die dem natürlichen Verlauf der Sonne folgt, recht früh bekannt waren, fanden diese Erkenntnisse anfänglich nur begrenzten Zuspruch bei den Anwendern. Das mag unterschiedliche Gründe haben, da die Realisierung einer solchen Beleuchtungsanlage entsprechendes Fachwissen erfordert und die Kosten die einer nicht geregelten Lösung signifikant übersteigen. Außerdem war die Industrie über Jahre damit beschäftigt, vorhandene Leuchten auf die LED-Technik umzurüsten bzw. ein neues Sortiment aus dem Boden zu stampfen, da konventionelle Lösungen teils einfach nicht mehr markttauglich waren.

Erste Annäherungsversuche an gesteuerte Lichtlösungen wurden größtenteils für die Arbeitswelt angeboten (siehe PROFESSIONAL SYSTEM 7.2017, Titelthema). Man bedient sich in diesem Fall der Wirkung des Lichtes, um die Konzentration und somit die Effizienz der Mitarbeiter zu erhöhen. Gleichzeitig kann eine Tageslichtsteuerung jedoch auch zur Mitarbeitermotivation und der allgemeinen Zufriedenheit beitragen. Erst seit Kurzem werden vermehrt Lösungen für Bereiche des Gesundheitswesens entwickelt, wobei hier die Hemmschwelle offensichtlich höher liegt. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da dieser Bereich als ausgesprochen sensibel betrachtet werden muss und die Risiken der Verantwortlichen ungleich höher sind.Human Centric Lighting(Bild: Glamox GmbH)

So wird für manche Projekte medizinisch geschultes Fachpersonal mit ins Boot genommen und erste Versuche unter genauester Beobachtung durchgeführt. Das zu erwartende positive Ergebnis dieser Studien ist den meisten Beteiligten wohl bereits bekannt, jedoch schadet es nicht, zum jetzigen Zeitpunkt mit Testphasen zu beginnen. Solange sich die Programmierung an den Bedürfnissen der Patienten, den jeweiligen Einsatzbereichen und der biologischen Wirksamkeit des Lichtes orientiert, können diese Versuche nur schwer scheitern. Erste abgeschlossene Studien machen dies mehr als deutlich.

Unterschiedliche Zonen und Bedürfnisse

Nicht alle Bereiche einer Klinikeinrichtung, eines Pflegeheimes oder eines Praxisbetriebes haben das gleiche Anforderungsprofil an die Beleuchtung bzw. die Lichtsteuerung. Grundsätzlich wäre es möglich, überall eine Tageslichtsteuerung zu integrieren, doch macht dies selten Sinn. Es gibt durchaus Räume, in denen ganz bewusst entspannt werden soll und auch die Besucher sich entsprechend wohl fühlen müssen. So sollten Restaurants, Cafés oder Mensen bei einer warmen Beleuchtungslösung bleiben, um hier den Entspannungsfaktor über den Tag hinweg beizubehalten. Auch Ruheräume für Patienten müssen entsprechend ausgestattet sein bzw. müssen sich ggf. manuell regeln lassen. Behandlungszimmer oder Operationssäle bedürfen ebenfalls einer gleichbleibenden Beleuchtungsstärke mit einer entsprechenden Lichtfarbe und Farbwiedergabequalität.

Künstliches Licht im St. Olavs Krankenhaus in Trondheim
Im St. Olavs Krankenhaus in Trondheim ähnelt das künstliche Licht tagsüber dem Tageslicht. Ab 18:00 Uhr am Abend geht es in ein sehr warmes, orangefarbenes Licht über. Das Forschungsprojekt basiert auf den Ergebnissen einer Studie der Forscherin und Ärztin Tone Elise Gjøtterud Henriksen, die Patienten mit einer Brille mit orangefarbenen Gläsern ausstattete und damit Erfolge in der Behandlung bipolarer Störungen erzielte. (Bild: Glamox GmbH)

Alle anderen Wegbereiche, insbesondere Patientenzimmer und Aufenthaltsräume, können sich jedoch über eine programmierte Lichtsteuerung an den Tageslichtverhältnissen orientieren. Denn viele Patienten bekommen aufgrund ihrer jeweiligen Situation nur wenig vom Tageslicht mit bzw. würden in den Abendstunden durch eine falsche Lichtfarbe einfach nicht an den bevorstehenden Schlafprozess herangeführt. Die therapeutische Wirkung einer biologischen Lichtsteuerung ist dabei zweifellos gegeben und kann den Genesungsprozess maßgeblich verbessern.

In Pflegeunterkünften ermöglichen die passenden Lichtverhältnisse ebenfalls eine Verbesserung der allgemeinen Befindlichkeit, eventuell eine Entlastung der Mitarbeiter und sogar eine dauerhafte Reduzierung von Medikamenten, wie Beruhigungs- oder Schlafmittel.

Anforderungen an die Beleuchtung

Grundsätzlich ist allen Beleuchtungslösungen im Gesundheitswesen eines gemeinsam: Jede künstliche Lichtquelle muss für erhöhte Sicherheit sorgen. Dies betrifft sowohl die Optimierung der Sehleistung als auch die Gewährleistung der Orientierung in den Gebäuden. Dies gilt für die Bediensteten und Patienten ebenso wie für die Besucher. In den Fluren und Korridoren ist nach DIN 5035-3 tagsüber eine Beleuchtungsstärke von 200 lx, in OP-Bereichen sogar 300 lx vorgeschrieben. In Mensen und Cafeterien ist eine minimale Grundbeleuchtung von 200 lx zu gewährleisten, wobei hier genauso wie in Warteräumen mit einer warmen Lichtfarbe für allgemeines Wohlbefinden gesorgt werden sollte.

Personal und Aufenthaltsräume müssen eine Beleuchtungsstärke von 300 lx aufweisen, während in den Dienstzimmern, die mit einem Büro zu vergleichen sind, 500 lx gegeben sein müssen. Aufgrund der Schichtarbeit im Krankenhaus ist es hier schwierig bis unmöglich, eine sinnvolle Lichtsteuerung für die Regelung der Lichtfarbe zu installieren. Hier bietet sich eine kalte Lichtfarbe an, die sich am Tageslicht orientiert, um die Konzentration der Mitarbeiter aufrecht zu erhalten.

In Operationssälen und deren Umfeld gelten hingegen völlig andere Normen – von einer Tageslichtsteuerung ist in jedem Fall abzusehen. Am OP-Tisch selbst sind 40.000 bis 160.000 lx, im direkten Umfeld 2.000 lx und im Saal allgemein mindestens 1.000 lx erforderlich. Die Werte in den Vorbereitungs- und Aufwachräumen bewegen sich zwischen 100 und 500 lx, müssen jedoch optional auf 1.000 lx erhöht werden können.

Im Patientenzimmer muss die Allgemeinbeleuchtung 100 lx, das Leselicht 300 lx und die Nachtbeleuchtung 5 lx betragen. Hier und in den umliegenden Bereichen bietet sich eine Tageslichtsteuerung an, um den Tagesverlauf zu simulieren und so den biologischen Rhythmus der Patienten zu unterstützen. Da dort jedoch auch kleinere Behandlungen durchgeführt werden müssen, ist für diese Fälle eine optionale Minimalbeleuchtung von bis zu 1.000 lx erforderlich. Für die sanitären Einrichtungen hingegen genügen Werte ab 200 lx.

Licht für psychiatrisch erkrankte Patienten

Auch in psychiatrischen Einrichtungen gibt es Ansätze mit Licht als Begleitung der therapeutischen Behandlung, zum Beispiel im neuen Akutzentrum im St. Olavs Krankenhaus im norwegischen Trondheim. Hier wurde die eine Hälfte des Gebäudes mit insgesamt 20 Belegbetten so geplant und gebaut, dass der Schwerpunkt auf Beleuchtungstechnik und die Lichtnutzung liegt. Somit können neben der Behandlung der Patienten auch die positive Wirkung von Licht auf den Menschen weiter erforscht werden. Die Patienten bleiben den ganzen Tag und die ganze Nacht in dem Bereich des Krankenhauses, in dem das Licht gesteuert und sorgfältig geplant wird. Tagsüber ähnelt das künstliche Licht – also das Innenlicht – dem Tageslicht.

Ab 18:00 Uhr geht es in ein sehr warmes, orangefarbenes Licht über. Diese Phase dauert bis 23:00 Uhr an, dann übernimmt ein auf 25 Prozent gedimmtes, orangefarbenes Licht die Beleuchtung, und in dieser Einstellung bleibt es bis 6:00 Uhr in der Frühe. Tagsüber haben die Patienten ein weißes Licht, das zwischen warmen und kalten Weißtönen variiert. Das kaltweiße Licht am Morgen unterdrückt dabei die Melatonin-Produktion und erhöht gleichzeitig die Produktion von Cortisol, einem Stresshormon. Das Licht trägt somit dazu bei, dass die Patienten – und gleichzeitig auch die Mitarbeiter – sich tagsüber wach und energiegeladen fühlen und gegen Abend müde und ruhiger werden. Der verbesserte Schlafrhythmus ist daher nicht nur das Ergebnis des therapeutischen orangem Lichts, sondern auch des künstlichen Tageslichts.

Behandlung von Demenz-Patienten mit hellem Licht

Ein groß angelegtes Forschungsprojekt zu den Effekten der Lichttherapie bei an Demenz erkrankten Menschen wird derzeit in Bergen, Norwegen, durchgeführt. Rund 70 Patienten werden in den dunklen Wintermonaten in einem Pflegeheim mit künstlichem Tageslicht behandelt. Der Wohnraum der Patienten in den Pflegeheimen wurde in Lichttherapie-Räume umgewandelt, in denen an Demenz erkrankte Teilnehmer der Studie sowie Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum des Tages dem Licht ausgesetzt sind. Mit den teilnehmenden Patienten werden während und nach der Behandlung einer Reihe von unterschiedlichen Tests durchgeführt.

Gesundheitseinrichtungen und Licht
Gerade in Gesundheitseinrichtungen hat der Faktor Licht eine große Bedeutung. Gut ausgeleuchtete Gemeinschaftsräume, Flure und Zimmer können den Heilungsprozess positiv beeinflussen. (Bild: Glamox GmbH)

Das Projekt DEM.LIGHT basiert auf der Hypothese, dass der Einsatz von Licht, das den Mangel an Tageslicht ausgleicht, die Verhaltens- und psychologischen Symptome signifikant vermindert und die Schlaf- und Alltagsfunktionalität bei Patienten mit Demenz im Pflegeheim verbessert. Die Studie hat auch andere Ziele, darunter die Auswirkungen auf das Pflegepersonal sowie die Möglichkeit der Entwicklung einer Behandlungsmethode für zu Hause. Vermutlich lassen sich diese Lösungen auf die häusliche Pflege übertragen und verlängern so die Verweildauer von an Demenz erkrankten Menschen im eigenen Zuhause.

Web-Links

www.glamox.com

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Die Lichtplanung darf in keinem Fall vernachlässigt werden. Soll in medizinischen oder handwerklichen Bereichen besonders präzise gearbeitet werden, ist es notwendig, dass die Lichtsetzung in diesen Räumen besonders gut geplant wird. Arbeiten, die besonderer Aufmerksamkeit bedürfen, müssen auch erledigt werden und für die Präzision ist es wichtig, dass man sich dafür entscheidet den Mitarbeitern genügend Licht zur Verfügung zu stellen.

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  2. Interessant, dass das Krankenhaus das Licht in den Zimmern je nach Tageszeit in einer bestimmten Farbrichtung einfärbt. Ich persönlich habe eine ganz ähnliche LED-Beleuchtung im Wohnzimmer. Außerdem habe ich gehört, dass es bestimmte Funktionen an Handys gibt, die das Licht am Abend ähnlich einfärben, was augenschonend wirken soll.

    (URL von der Redaktion entfernt)

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