Interimslösung ohne Einschränkung

Die Konzeption der Beschallung im Interims-Plenarsaal des Niedersächsischen Landtags

In der Halle einer ehemaligen Eisenwarenhandlung tagt der Niedersächsische Landtag während der Um- und Neugestaltung des Plenarsaals. Geplant ist eine Umbauzeit von ca. drei Jahren. In dieser Zeit muss auch die Raum- und Elektroakustik so beschaffen sein, dass der Plenarbetrieb in der Interimslösung wie gewohnt weiterlaufen kann.

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Die technischen Anforderungen sind leicht zusammenzufassen: „Alles sollte möglichst so sein wie im alten Plenarsaal“, sagte Dr. Kai Sommer, Landtagssprecher der Landtagsverwaltung beim Besuch des Interims-Plenarsaal. „Die Technik ohne qualitative Einschränkungen gehörte zu den Forderungen, mit denen wir gestartet sind“, ergänzte Ralf Giese von der AMT Ingenieursgesellschaft mbH, die u. a. für die Raumakustik und Beschallungslösung verantwortlich war. Dabei sollte die Bestandstechnik soweit sinnvoll weiter genutzt werden. „Die Redestandsanzeige war zum Beispiel noch recht neu und wurde daher in diesen Saal übernommen“, berichtete Jürgen Brockhöft von der Seis Akustik GmbH, die nach der Ausschreibung den Zuschlag für die Medientechnik bekam und installierte. Die Seis Akustik GmbH wartet und betreut auch die Medientechnik im Interims-Plenarsaal.

Die glasbedeckte Halle mit zwei umlaufenden Emporen im denkmalgeschützten Georg-von-Cölln Haus war in ihrer ursprünglichen Akustik und Gestaltung als Lagerhalle für Eisenwaren ausgelegt und eben nicht für die Nutzung als parlamentarischer Saal. Dem entsprechend war die Umsetzung der Anforderungen mit einigem Aufwand verbunden. Die dazu erforderlichen Maßnahmen, vor allem in Bezug auf Akustik und Beschallung, waren Thema beim Besuch des Interims-Plenarsaals. Dr. Kai Sommer und Dieter Bohn (Landtag Niedersachsen) berichteten aus Sicht der Nutzer, Martin Zimmermann und Jürgen Brockhöft (Seis Akustik GmbH) erläuterten die Umsetzung aus Installateurs- und Betreuersicht, Ralf Giese sprach u. a. über Planung der Raumakustik und Beschallung.

Standortvorteile und Nutzung

„Es gab unterschiedliche Überlegungen zur Unterbringung des Plenums während des Umbaus des Plenarsaals“, erklärte Dr. Kai Sommer. „Das Messegelände war beispielsweise im Gespräch, kam aber aus Kostengründen und wegen der fehlenden Infrastruktur nicht in Betracht. Es geht ja nicht nur um einen Sitzungssaal für die 137 Abgeordneten, sondern auch die Fraktionsmitarbeiter, Regierungsmitglieder, Besucherdienste, Presse etc. Da läuft sehr, sehr auch viel hinter den Kulissen. Sie können so einen Plenarbetrieb nicht einfach einpacken und fünf Kilometer entfernt wieder aufbauen.“ Da hatte das Georg-von-Cölln Haus mit wenigen hundert Metern zum Landtagsgebäude mit dem alten Plenarsaal Standortvorteile: Büros und Sitzungssäle können beibehalten werden. Nur einige Büros, die vom Baulärm zu sehr beeinflusst werden, zogen mit um. Außerdem befindet sich das Gebäude im Besitz des Landes.

In Anbetracht der Raumabmessungen mit einer Länge von 30 m und einer Breite von 10 m war aber das Platzangebot für die Unterbringung von 137 Abgeordnetenplätzen nicht üppig. Dennoch mussten alle Tische genug Platz für Ordner und Notebook haben – die Tische wirken wie auf den Zentimeter „ausgeklügelt“. Netzwerk- und Stromanschlüsse mussten ebenfalls integriert und dafür sowie für andere medientechnische Einrichtungen eine Menge Kabel gezogen werden. Die Klima- und Lüftungstechnik braucht ihren Platz. Gleichzeitig musste im denkmalgeschützten Saal alles rückbaubar sein. Kabelwege wurden unter dem aufgeständerten Hohlboden geschaffen, der mit einem Abstand von 36 cm den Steinboden nahezu im gesamten Saal belegt. Eine weitere Funktion des Bodens ist nicht offensichtlich: Durch den luftdurchlässigen Teppich und die gelochten Bodenplatten wird die Frischluft in den Saal eingeleitet. „Das funktioniert sehr gut, die Frischluft wird sehr gleichmäßig verteilt und es zieht nicht“, berichtete Ralf Giese. Die primäre Funktion ist die als Plenarsaal.

Darüber hinaus wird der Saal für unterschiedliche Veranstaltungen genutzt. „Wir haben immer schon die Philosophie gehabt, den Plenarsaal für die Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen zu nutzen – auch im alten Plenarsaal“, erläuterte Dr. Kai Sommer. „Zu den Veranstaltungen gehören Workshops mit Jugendlichen, unterschiedlichste Vortagsreihen, Ausstellungseröffnungen, Lesungen, sogar auch mal eine Theateraufführung.“ Technisch galt es, im Interims-Plenarsaal die infrastrukturellen Voraussetzungen wie Netzwerk,- Bild- und Tonschnittstellen u. a. in Bodentanks und Wandanschlussfeldern zu schaffen, nicht aber alle medientechnischen Gerätschaften für Veranstaltungen einzubauen. „Zusätzliche Technik wird temporär dazu gemietet“, erklärte Dieter Bohn. „Unser Partner ist die Seis Akustik GmbH, die die Veranstaltungen auch betreut.“ Bei der Auswahl der Geräte war ein weiterer Gesichtspunkt wichtig – die Integration des Bestands. „Der neue Plenarsaal wird mit neuer Technik ausgestattet“, berichtete Ralf Giese. „Deshalb gehörte es zu den Aufgaben, die Bestandstechnik zu bewerten und so weit wie sinnvoll hier im Saal zu integrieren.“

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Die Hauptbeschallung besteht aus drei Kling & Freitag GRAVIS 12 (Bild: Christiane Bangert)

Die Raumakustik

Die Halle schließt eigentlich in einer Höhe von ca. 14 m mit einem Glasdach ab und hatte eine „hallentypische“ Akustik. „Die Nachhallzeit lag ursprünglich in etwa zwischen 3–4 Sekunden“, erläuterte Ralf Giese. Für den parlamentarischen Betrieb und die verständliche Übertragung von Sprache mittels Lautsprechern ist diese Nachhallzeit viel zu lang. Ein Wert unter einer Sekunde liegt da eher im passenden Bereich. Darüber hinaus sind die Parlamentarier aus dem alten Plenarsaal einen „trockenen“, sprich nachhallarmen Sound gewohnt. „Der alte Saal wurde bereits in den 1960er Jahren raumakustisch aufgewertet und ist knochentrocken“, sagte Ralf Giese. „Die Anforderung, dass im Interims-Saal alles so wie im alten Saal sein sollte, galt auch für die Raumakustik.“ Raumakustische Maßnahmen waren also dringend erforderlich und wurden von der AMT Ingenieursgesellschaft erarbeitet.

Ein raumakustisches Element ist die Decke, die mit einer Rasterdecke aus Mineralfaserplatten ausgeführt ist. Durch nach unten versetzte Flächen kann ein wenig Tageslicht in den Saal eindringen. Die Beleuchtung ist ebenfalls in die Decke integriert. Der eventuell temporäre Einsatz der Decke wird auf der Oberseite sichtbar. Als Träger für die Unterkonstruktion sind Traversen, wie man sie von Veranstaltungen kennt, eingesetzt, Abnehm- und damit rückbaubar sind auch die großflächigen Wandpanele aus absorbierender Glaswolle hinter Textilverkleidung. Die Unterseiten der Galerien ist mit gelochten und absorbierend hinterfütterten Gipskartondecken ausgeführt.

Die Rollstühle der Abgeordneten wurden zwar nicht nach akustischen Kriterien ausgewählt, mit ihrer Polsterung haben sie aber auch ihre Wirkung. „Zusätzliche Maßnahmen für den tieffrequenten Bereich waren nicht notwendig, weil dem Boden und dem Volumen über der Decke eine absorbierende Wirkung zugeschrieben werden kann“, sagte Ralf Giese. Die Messungen nach Fertigstellung, durchgeführt durch AMT, wiesen im unbesetzten Plenarsaal eine Nachhallzeit knapp unter einer Sekunde bei 1 kHz auf – nicht schlechte Arbeitsbedingungen für die Elektroakustik.

Beschallung

„Wir haben verschiedene Konzepte mit unterschiedlichen Lautsprechertypen geprüft“, sagte Ralf Giese. „Bei Probeaufbauten vor dem Umbau zeigte sich, dass Schallzeilen bei der doch eher kleinen Saalgröße nicht die richtige Lösung waren. Wir haben deshalb auf ein dezentrales Konzept hingearbeitet.“ Dieses beinhaltet zwei Kling & Freitag GRAVIS 12+W (passiv, mit 12″-, 1,4″-Treiber, 90° × 40°) vor dem Geländer der Galerie über dem Präsidium, die die Seiten des Plenums beschallen. In der Mitte – hinter dem Geländer – ist die enger abstrahlende GRAVIS 12+N (65° × 50°) positioniert, die den mittleren Plenumsbereich versorgt, der von den äußeren GRAVIS nicht erreicht werden kann.

„In der mittleren GRAVIS nutzen wir im Wesentlichen die Hornmündung, um nicht unnötig das Hauptmikrofon am Rednerpunkt zu beschallen und dadurch Rückkopplungen zu begünstigen“, erläuterte Ralf Giese. Unterstützt werden die GRAVIS durch 28 K&F SONA 5 an den langen Seiten unter der Galerie des Plenarsaals und 25 SONA 5 zur Beschallung der Galerien. An den Präsidiums- und Stenographieplätzen – Positionen unter den GRAVIS, die nicht von ihnen erreicht werden können, sind Lautsprecher auf den Tischen positioniert – runde 2-Wege Design-Lautsprecher von Seis-Aksutik. Angestrebt wurde mindestens eine gute Sprachverständlichkeit. „Unser Ziel waren STI-Werte größer oder gleich 0,65 auf mindestens 90 % der Plätze“, erläuterte Ralf Giese. „Dieses wird auch erreicht.“ Dabei basiert die STI-Maß- gabe auf der Definition von vor 1999 ohne Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede, Maskierung etc.

Audiotechnik Kernkomponente der Audiotechnik ist die digitale Audiomatrix Q-SYS Core 500i. Daran sind zur Ein- und Ausgabe von 64 Eingangsund 48 Ausgangssignale fünf Q-SYS I/O- Frames im Technikraum und am Regieplatz auf der Galerie angeschlossen. Ausgangsseitig gehen die Signale unter anderem zu den Crown DCI2600-Verstärkern für die GRAVIS und die Bittner 8×400 Verstärker für die SONA. Diverse Ausgangssignale gehen an den NDR, weitere Presseplätze, die Stenographen etc. Eingangsseitig liegen u. a. die zwölf Saalmikrofone an. Dies sind Sonderausführungen von Seis Akustik mit integrierten MEG14-40-L von Sennheiser. Sechs Sennheiser Drahtlos-Systeme erweitern das Mikrofonangebot über die Mikrofone am Präsidium und Rednerpult hinaus. Die Signalverteilung und -bearbeitung geschieht in der Core 500i-Einheit, inklusive Lautsprecheranpassung. Als zusätzliche Geräte kommen lediglich zwei Bosch Plena LBB 1968 zur Rückkopplungsunterdrückung zum Einsatz.

Bedienung und Erfahrungen

Gerade bei der Bedienung sollte alles bleiben wie es war, so sollte der Landtagspräsident, der die Plenarsitzungen leitet, die gleichen Bedienelemente haben wie vorher. „Obwohl die Technik dahinter anders ist, hat sich die Bedienung für die Parlamentarier nicht geändert“, berichtete Dieter Bohn. Die entsprechende Programmierung führte die Seis Akustik GmbH durch. Eine AMX-Mediensteuerung – zum Teil aus dem Bestand – stellt die Bedienoberflächen zur Verfügung, u. a. an einem Regieplatz auf der Galerie. „Bei Plenarsitzungen sind ein Techniker von uns und ein Kollege vom Saaldienst zu Anfang gemeinsam hier und stellen sicher, dass alles funktioniert“, erklärte Jürgen Brock – höft. „Wenn wir nach ein bis zwei Stunden wissen, es läuft alles, dann betreut nur der Kollege vom Saaldienst ohne medientechnische Ausbildung die weitere Sitzung.“ Um sowohl medientechnischen Laien als auch erfahrenen Technikern die passenden Bedienseiten zur Verfügung zu stellen, wurden unterschiedliche Nutzerebenen eingerichtet.

Zu den Bedienmöglichkeiten auf dem Touchpanel der AMX am Regieplatz gehört auch der Pegel der einzelnen Signale. Davon wird bei den Plenarsitzungen kein Gebrauch gemacht. „Wir nutzen eigentlich immer das voreingestellte Setup“, berichtete Dieter Bohn. „Das Setup funktioniert problemlos und es wird akzeptiert. So haben alle die gleichen Voraussetzungen und können selber entscheiden, wie laut sie sprechen möchten.“ Zu den Erfahrungen mit dem neuen Saal sagte Dieter Bohn „Wir waren nach der ersten Sitzung überrascht, der Plenarbetrieb läuft unwahrscheinlich gut. Der Saal wird von den Nutzern und allen Beteiligten sehr, sehr positiv aufgenommen, auch die technische Umsetzung und die Akustik.“

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