AV over IP verändert die Architektur professioneller Mediensysteme grundlegend und verlagert die Signalverteilung in die Netzwerkebene. Encoder und Decoder werden zu zentralen Bausteinen, die nicht nur Signale wandeln, sondern komplette AV-, IT- und Broadcast-Workflows miteinander verbinden. Ein Überblick über Standards und Geräte.
Ob Bühne, Kontrollraum oder Hörsaal – AV over IP ersetzt zunehmend klassische Matrixsysteme durch flexible Netzwerkarchitekturen – exemplarisch sichtbar in der Modernisierung der Medientechnik am Theater Basel. (Bild: Ingo Hoehn)
Die klassische AV-Kreuzschiene stirbt einen stillen Tod. Nicht abrupt, nicht durch ein einzelnes Ereignis ausgelöst – sondern durch den anhaltenden Druck einer Technologiebewegung, die seit rund einem Jahrzehnt an Fahrt gewinnt und inzwischen in der Breite des Marktes angekommen ist: AV over IP. Im Zentrum stehen Encoder und Decoder – jene Geräte, die analoge und digitale AV-Signale in netzwerkfähige Datenströme übersetzen und am Zielort wieder zurück wandeln.
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Was lange als ein Nischenthema für Broadcast-affine Systemintegratoren galt, ist mittlerweile in Konferenzräumen, Theatern, Hochschulen und Unternehmensgebäuden angekommen. Die aktuelle Gerätegeneration zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung: Encoder und Decoder übernehmen zunehmend die Rolle von IP-Media-Gateways – Systemen, die unterschiedliche Videoformate und Protokolle miteinander verbinden, Steuerungssignale verarbeiten und KVM-Funktionen integrieren. Was früher Spezialanforderungen waren, gehört heute zum Standard-Feature-Set gehobener Plattformen.
Wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten inzwischen sind, zeigen zahlreiche Praxisprojekte aus Bildung, Theater, Veranstaltungstechnik und Broadcast – von Konferenz- und Veranstaltungsräumen über Theaterbühnen bis hin zu immersiven Installationen.
Grundprinzip einer AV-over-IP-Architektur: Encoder wandeln Audio- und Videosignale in IP-Datenströme um, die über Standard-Ethernet-Netzwerke verteilt und von Decodern oder anderen Endgeräten wieder ausgegeben werden (Bild: PROFESSIONAL SYSTEM)
Drei Segmente, drei Philosophien
Der Markt für AV-over-IP-Encoder und -Decoder lässt sich in drei Einsatzschwerpunkte einteilen, die unterschiedliche Anforderungsprofile adressieren:
Installations-AV-Systeme sind auf Konferenzräume, Campus-Netzwerke und Digital-Signage-Anwendungen ausgelegt – wie die Plattformen von Crestron, Extron, Atlona, Just Add Power oder PlexusAV. Sie arbeiten häufig mit moderater Kompression, um 4K-Video auch über 1-Gigabit-Netzwerke übertragen zu können. Andere Systeme wie IDK IP-NINJAR setzen mit SDVoE auf unkomprimierte Übertragung über 10-GbE-Netzwerke. Einfache Inbetriebnahme, webbasiertes Management und Kompatibilität mit bestehender Gebäudeinfrastruktur stehen im Vordergrund. Ziel ist eine wirtschaftliche und skalierbare Signalverteilung, die sich ohne tiefgreifende Änderungen in bestehende IT-Umgebungen integrieren lässt.
NDI-basierte Produktionssysteme richten sich an Live-Produktionen sowie Streaming-Anwendungen – vertreten etwa durch Kiloview, Bolin, Magewell oder Zowietek. Das ursprünglich von NewTek entwickelte und heute von Vizrt weiterentwickelte Protokoll NDI (Network Device Interface) ermöglicht eine flexible IP-Videoproduktion ohne spezielle Broadcast-Infrastruktur und wird von einem breiten Hard- und Softwareökosystem unterstützt. Im Mittelpunkt stehen die softwarebasierte Verarbeitung und Verteilung von Videoströmen, eine einfache Integration in bestehende Produktionsumgebungen sowie die Unterstützung gängiger Streaming-Protokolle. Dank der breiten Herstellerunterstützung hat sich NDI in vielen Produktions- und Streaming-Umgebungen als De-facto-Standard etabliert.
Broadcast-IP-Systeme richten sich an professionelle Produktionsinfrastrukturen – mit Anbietern wie Matrox, Vion oder Blackmagic Design. Hier kommen Standards wie SMPTE ST 2110 oder IPMX zum Einsatz, die hohe Bandbreiten erfordern und extrem niedrige Latenzen bieten. Diese Geräte sind oft FPGA-basiert (Field-Programmable Gate Array) und für den Dauerbetrieb in Sendezentren oder Kontrollräumen ausgelegt. Im Fokus stehen maximale Bildqualität, deterministische Signalübertragung und die nahtlose Einbindung in komplexe Broadcast- und Produktionsnetzwerke.
Fünf aktuelle Trends im AV-over-IP-Markt
Offene Standards: Interoperabilität gewinnt an Bedeutung. IPMX, NDI und SMPTE ST 2110 treiben standardbasierte AV-Netzwerke voran. Mehr Bandbreite: 10-Gigabit-Netzwerke etablieren sich als neue Basis; Gerätepreise sinken, Verfügbarkeit steigt. Media-Gateways: Encoder und Decoder entwickeln sich zu vielseitigen Media-Gateways. Unterschiedliche AV-over-IP-Technologien und klassische AV-Schnittstellen werden zunehmend innerhalb umfassender Plattformen miteinander verbunden. Auch SDVoE-Systeme entwickeln sich dabei vom reinen Punkt-zu-Punkt-Transport zu integrierten Ökosystemen mit Audio-, USB-, Matrix- und Multi-Protokoll-Funktionen. Software & Management: Zentrale Steuerung, Monitoring und Netzwerkmanagement werden integraler Bestandteil – NMOS als offene Steuerungsschicht gewinnt Verbreitung. Marktkonsolidierung: Übernahmen wie Kramer / ZeeVee zeigen die zunehmende Bündelung von Technologien und kündigen weitere Konsolidierungen an.
SDVoE: Latenz auf Broadcast-Niveau
SDVoE – Software Defined Video over Ethernet – ist einer der etabliertesten Ansätze im höherwertigen ProAV-Segment. Die Technologie überträgt laut SDVoE Alliance unkomprimiertes 4K-Video mit einer End-to-End-Latenz von unter 100 Mikrosekunden – und damit praktisch auf dem Niveau klassischer HDMI-Matrixsysteme liegt. Als Netzwerkbasis ist 10-GbE Pflicht; dafür entfällt die klassische Kreuzschiene vollständig.
Ein Praxisbeispiel, das die Stärken von SDVoE unter realen Betriebsbedingungen zeigt, ist das Theater Basel. Das Haus stellte im Jahr 2024 seine gesamte AV-Infrastruktur auf SDVoE um. Kern des Systems sind Transceiver von AVPro Edge (Modell AC-MXNET-10G-TCVR), die als Encoder oder Decoder konfigurierbar sind – die Betriebsart wird per DIP-Schalter festgelegt. Für die große Bühne wurden 36 Transceiver in einem 19-Zoll-Schrank verbaut. Im Schauspielhaus wurde ein schallgeschützter 19-Zoll-Schrank mit 24 Einheiten mit PoE-Versorgung und SFP+-Anschlüssen in der offenen Regie bestückt.
Das dedizierte AV-Netzwerk auf Basis von Netgear-M4350-Switches konnte das Medientechnikteam weitgehend eigenständig planen – ohne Einbinden der IT-Abteilung. AV-Traffic und IT-Traffic sind vollständig getrennt; Multi-Viewer-Funktionen, Videowände und KVM-Anwendungen laufen ohne Zusatz-Hardware. Die Steuerungssoftware „Mentor“ des AVPro-Edge-Controllers ermöglicht es, für jede Inszenierung das passende Setup vorzukonfigurieren und auf Knopfdruck abzurufen.
IDK IP-NINJAR: SDVoE als Ökosystem
Wie sich SDVoE über die reine Signalübertragung hinaus zu einem umfassenden AV-over-IP-Ökosystem ausbauen lässt, zeigt der japanische Hersteller IDK mit seiner IP-NINJAR-Plattform. Neben klassischen Transmittern und Receivern umfasst das Portfolio Transceiver, die gleichzeitig als Sender und Empfänger arbeiten. Die Geräte sind sowohl mit Kupfer-/RJ45- als auch mit Glasfaseranschlüssen für Multimode und Singlemode erhältlich; entsprechende Varianten gibt es auch für den Wand- und Tischeinbau.
IDK bindet SDVoE zudem in weitere Produktgruppen ein. Für die modulare Matrix-Serie FDX-S stehen SDVoE-Eingangs- und -Ausgangskarten mit jeweils vier RJ45-Ports zur Verfügung. Damit lassen sich Signale zwischen SDVoE, HDMI, HDBaseT und 12G-SDI verteilen und schalten. Ergänzend sind unter anderem Multiview- und Scaling-Ausgangskarten sowie Audiokarten einschließlich Dante verfügbar. Auch Präsentationsumschalter der neuen MSD-V-Serie werden mit optionalen SDVoE-Ein- und -Ausgängen angeboten, sodass sich beispielsweise Konferenzräume mit lokalen Quellen und Senken über das Netzwerk miteinander verbinden lassen.
Bei der Anbindung von Dante geht IDK einen anderen Weg: Anstatt Dante in jedem Transmitter oder Receiver zu implementieren, bietet IDK eine Dante Audio Bridge an, die simultan 4 Stereo Audio-Kanäle bidirektional zwischen SDVoE-Audio und Dante konvertieren kann. Auch für NDI gibt es einen Encoder, der NDI-Streams zu SDVoE konvertiert.
Die USBNeo-Serie erweitert das System um USB-Peripherie für Collaboration-Anwendungen mit Microsoft Teams Rooms oder Zoom Rooms. Für den mobilen Event-Einsatz stehen zudem robuste Transceiver mit Kupfer- oder Glasfaseranschlüssen und Befestigungsmöglichkeiten für die Truss-Montage zur Verfügung.
Bild: AVPro Edge
AVPro Edge AC-MXNET-10G-TCVR: Als Encoder oder Decoder konfigurierbarer 10-GbE-Transceiver für unkomprimierte AV-over-IP-Übertragung mit sehr geringer Latenz.
Bild: Danacoid
Der Danacoid DM-9100 vereint Encoder-, Decoder- und KVM-Funktionalität in einem AV-over-IP-Transceiver
Bild: IDK
IDK NJR-P01UFR-TR: Ruggedized IP-NINJAR-Transceiver für die latenzarme SDVoE-Signalübertragung über 10-GbE-Netzwerke; das robuste Gehäuse ist auch für den mobilen Event-Einsatz ausgelegt
IPMX: Der offene Standard wird erwachsen
Wer bei AV over IP auf Herstellerunabhängigkeit setzt, für den ist IPMX heute einer der wichtigsten offenen Standards. Das „Internet Protocol Media Experience“ wurde von der AIMS Alliance spezifiziert, der über 400 Unternehmen angehören. Die Einsatzfelder von IPMX reichen von immersiven Installationen bis zu Bühnen- und Eventtechnik. Ein prominentes Beispiel ist das historische Veranstaltungsgebäude Cipriani 25 Broadway in New York City. Dort ersetzte eine IPMX-basierte AV-over-IP-Infrastruktur eine klassische HDMI-Verkabelung, um eine großformatige immersive Projektion zu realisieren. Das System verteilt Inhalte mit insgesamt 62,4 Megapixeln auf 17 synchronisierte 4K-Projektoren und ermöglicht eine zentrale Steuerung sowie flexible Signalverteilung über das Netzwerk.
IPMX baut auf SMPTE ST 2110 auf, erweitert es aber um Funktionen, die für den ProAV-Alltag unverzichtbar sind: HDCP-Unterstützung, EDID-Handling, Hot-Plug-Detection sowie – entscheidend – asynchroner Betrieb ohne das hochpräzise PTP-Clock-Protokoll. Damit wird IPMX auch auf gewöhnlichen Unternehmensnetzwerken lauffähig, ohne Broadcast-typische Synchronisationsinfrastruktur vorauszusetzen.
Jochen Köhl, Vertriebs- und Marketingleiter bei Matrox Video, resümierte auf der AVcon in Hamburg die Entwicklung so: „Wir sind seit 5 Jahren mit IPMX auf Tour, haben lange Zeit gepredigt, aber seit etwa eineinhalb Jahren gibt es jede Menge reale Installationen. IPMX ist Realität und Gegenwart und nicht mehr nur Zukunftsversprechen eines Standards.“
Beispielhaft zeigt sich die Entwicklung auch an der Strategie von PlexusAV. Der US-Hersteller wurde 2023 als Pro-AV-Sparte des Broadcast-Spezialisten Sencore gegründet und konzentriert sich auf AV-over-IP-Lösungen auf Basis offener Standards wie IPMX und SMPTE ST 2110. „In diesem Jahr liegt unser Fokus klar darauf, das Engagement von PlexusAV für offene Standards und skalierbare AV-over-IP-Architekturen zu unterstreichen“, erklärt Steve Cogels, Global Director of Business Development. „Für Integratoren und Endkunden schafft dies Vertrauen in PlexusAV als zukunftsorientierten Technologiepartner, dessen Lösungen nahtlos in moderne, standardbasierte AV-Ökosysteme integriert werden können.“
Auf der ISE 2026 stellte PlexusAV mit den Modellen P-AVN-4E und P-AVN-4D neue IPMX-fähige Encoder und Decoder vor. Die Geräte basieren auf JPEG XS, unterstützen zusätzlich FIP/TDC und bieten visuell verlustfreie Bildqualität bei Sub-Frame-Latenz sowie integrierte KVM-Funktionen und optionales Dante-Audio.
Im Anschluss gab PlexusAV zudem bekannt, dass vier Produkte der AVN-Serie – darunter P-AVN-4E und P-AVN-4D – im Rahmen des ersten offiziellen IPMX Product Testing and Certification Programms in Genf zertifiziert wurden.
Die wichtigsten AV-over-IP-Technologien auf einen Blick
Im Enterprise-AV-Segment dominieren skalierbare AV-over-IP-Plattformen, die auf Standard-Gigabit-Netzwerken aufsetzen und eine enge Integration in Management- und Steuerungssysteme bieten. Im Fokus stehen robuste, zentral administrierbare Lösungen für Konferenzumgebungen, Campus-Netzwerke und Digital Signage.
Atlona LumaStream: Mit LumaStream hat Atlona eine neue AV-over-IP-Plattform für Enterprise-Anwendungen vorgestellt. Das System setzt auf Kompression nach H.264/H.265 und überträgt 4K60-Signale mit 8 bis 30 Mbit/s bei einer maximalen Latenz von 150 ms über Standard-1-GbE-Netzwerke. Neben der AV-over-IP-Verteilung unterstützt LumaStream auch RTMP/RTMPS-Streaming sowie Dante-Audio und richtet sich an Corporate-, Education- und Digital-Signage-Anwendungen.
LumaStream ergänzt damit die etablierte OmniStream-Plattform, die weiterhin für hochwertige UHD-Signalverteilung mit geringer Latenz in professionellen AV-Installationen steht
Crestron DM NVX 384 gehört zur neuesten Generation der Crestron-AV-over-IP-Plattform und ist sowohl als Encoder als auch als Decoder nutzbar. Bemerkenswert: der integrierte 4×1-Switcher mit zwei HDMI- und zwei USB-C-Eingängen sowie die Unterstützung von Auflösungen bis 5K – was über den in vielen Installationen üblichen 4K-Standard hinausgeht. Video-Wall-Processing, KVM-Routing und AES67-Audiointegration runden das Profil ab.
Die Plattform überträgt Signale über Standard-Gigabit-Ethernet und ist für Enterprise-Installationen in Konferenzräumen, Universitäten und Digital-Signage-Netzwerken konzipiert.
Danacoid DM-9100: Der chinesische Hersteller Danacoid entwickelt AV-over-IP- und LED-Technologien für professionelle Medienanwendungen. Mit dem DM-9100 bietet das Unternehmen ein hochintegriertes AV-over-IP-System, das Encoding, Decoding, Umschaltung und KVM-Steuerung in einem Gerät vereint und das Übertragen von 4K60-Signalen mit 4:4:4-Farbabtastung unterstützt.
Die Markteinführung für Deutschland fand auf der ISE 2026 durch ES Visual statt. Laut Projektmanager Markus Kniewald zeigten sich die Kunden auf der ISE begeistert „von der Bildqualität, den vielfältigen Connectivity-Möglichkeiten, der einfachen Handhabung und vor allem von der extrem niedrigen Latenzzeit von nur 14 Millisekunden.“
Zu den Funktionen des DM-9100 gehören Videowall- und Multiview-Darstellung mit bis zu 32 Fenstern, USB-KVM, Hot-Standby sowie die Integration in bestehende IT- und AV-Infrastrukturen. Das System ist für 24/7-Dauerbetrieb ausgelegt und eignet sich speziell für Leitstände, Kontrollräume, Sicherheitszentren und anspruchsvolle Enterprise-Installationen. Es verfügt über eine offene Systemarchitektur und lässt sich laut Hersteller in Steuerungsplattformen wie Q-SYS, Crestron oder AMX integrieren.
Extron NAV SD 121 / E 222: Extrons NAV-Plattform ist im Corporate- und Bildungsbereich weit verbreitet. Der NAV SD 121 etwa ist als kompakter Decoder für 4K60-Signale mit dem Extron-eigenen PURE3-Codec konzipiert, der NAV E 222 fungiert als Encoder mit USB-C-Eingang und HDMI-Durchschleif. Beide Geräte unterstützen Multicast-Streaming und AES67-Audio-over-IP. Extron zufolge ist die NAV-Plattform für große Installationen mit sehr vielen Endpunkten ausgelegt.
Bild: Extron
Extron NAV SD 121: Decoder der NAV-Plattform für eine latenzarme AV-over-IP-Übertragung mit enger Integration in Steuerungs- und Management-systeme
Bild: Crestron
Crestron DM NVX 384: Encoder/Decoder der DM-NVX-Plattform für die verlustarme Verteilung von AV-Signalen in professionellen Netzwerkinfrastrukturen
Bild: Atlona
Atlona LumaStream: Der Decoder der neuen AV-over-IP-Plattform empfängt 4K60-Signale über Standard-1-GbE-Netzwerke und unterstützt H.264/H.265-Kompression
Kramer / ZeeVee ZyPer: Nach der Übernahme von ZeeVee durch Kramer Electronics wurden die AVoIP-Portfolios beider Unternehmen zusammengeführt. ZeeVee bringt insbesondere seine Expertise bei skalierbaren 10-GbE-Systemen ein. Die ZyPer-Serie deckt das Spektrum von komprimierten 1-GbE-Systemen bis zu unkomprimierten 10-GbE-Lösungen ab. Die ZyPer Management Platform übernimmt die zentrale Steuerung.
VuWall PAK ONE: Der kanadische Hersteller VuWall bietet mit dem PAK ONE einen kompakten 4K-Decoder, der nicht zuletzt für Kontrollraum-Installationen ausgelegt ist. Das Gerät unterstützt H.264, H.265, VNC sowie proprietäre Streams und integriert sich in das VuWall-Ökosystem inklusive TRx-Managementsoftware. Typisches Einsatzfeld ist die Verteilung von Inhalten auf sekundäre Monitoring-Stationen außerhalb der zentralen Videowand.
Weitere etablierte Plattformen in diesem Segment sind AMX SVSI (Harman) für UHD-Verteilung über Gigabit-Netzwerke, Vaddio EasyIP Tx/Rx (Legrand AV) mit Dante-Audio-Integration und PoE+ sowie die DAV-02-Serie von ADTECHNO auf Basis von Dante AV Ultra. Sie ermöglicht die gemeinsame Übertragung von Audio und Video über das Dante-Ökosystem. Qbic VividStream AVE-100 und Alfatron ALF-IPK1HE/IPK1HD ergänzen das Angebot als kosteneffiziente H.264/H.265-Lösungen für Digital Signage und einfache Konferenzanwendungen.
NDI-Systeme: Flexibel für Produktion und Streaming
Der Erfolg von NDI hat zu einem breiten Angebot spezialisierter Encoder- und Decoder-Lösungen geführt. Die folgenden Produkte decken Anwendungen von Live-Produktion über Streaming bis zur Integration klassischer HDMI- und SDI-Signalquellen in IP-basierte Workflows ab.
BirdDog Flex: Der australische Hersteller BirdDog zählt zu den Pionieren im Bereich NDI-basierter Videotechnik. Die Flex-Serie umfasst kompakte Encoder und Decoder für HDMI- und SDI-Signale und unterstützt je nach Modell NDI High Bandwidth oder NDI HX. Dank PoE, Tally-Unterstützung und integriertem Audio eignen sich die Geräte insbesondere für Live-Produktionen, Remote-Produktionen und Broadcast-Anwendungen.
Kiloview N60 / N50: Kiloview ist im Bereich NDI-basierter AV-over-IP-Workflows aktiv. Der N60 ist ein HDMI-basierter Hardware-Encoder und -Decoder, der NDI-High-Bandwidth-Streams sowie NDI HX unterstützt und 4K-Video überträgt. Ergänzende Protokolle wie SRT oder RTMP machen ihn sowohl für Live-Produktion als auch für Remote-Streaming nutzbar.
Der N50 kümmert sich um SDI-Signale: Er konvertiert 3G-SDI in NDI-Streams oder dekodiert NDI zurück zu SDI – eine praktische Brücke für klassische Broadcast-Kameras in IP-Netzwerken.
Magewell Pro Convert: Der chinesische Hersteller Magewell bietet mit der Pro-Convert-Serie Encoder und Decoder für die Integration klassischer HDMI- und SDI-Signalquellen in NDI-basierte Produktionsumgebungen. Je nach Modell konvertieren die Geräte Video in NDI- oder NDI-HX-Streams beziehungsweise zurück in HDMI oder SDI. Die Serie richtet sich an Live-Produktionen, Streaming-Anwendungen und hybride Produktionsumgebungen, in denen bestehende AV-Technik in IP-Workflows eingebunden werden soll.
Weitere Vertreter dieses Segments: Bolin EG40N als Hardware-Decoder für NDI-Streams (4K60, HDMI/SDI-Ausgang, NDI-HX-fähig) sowie Zowietek SDI/NDI Encoder für mobile Produktionssysteme mit NDI HX3, SDI-Loop-Out und PoE-Versorgung.
Broadcast-IP: Offene Standards, hohe Bandbreite
Im Broadcast- und High-End-Segment dominieren offene Standards und leistungsfähige Netzwerkinfrastrukturen. Während IPMX vor allem den ProAV-Markt adressiert, hat sich SMPTE ST 2110 in professionellen Broadcast-Umgebungen als Referenzstandard für die IP-basierte Medienproduktion etabliert.
Rundfunkanstalten wie die BBC in London oder Yle in Helsinki nutzen ST-2110-basierte Produktionssysteme, um Video-, Audio- und Metadatenströme innerhalb eines gemeinsamen Netzwerks zu verarbeiten und klassische SDI-Infrastrukturen schrittweise abzulösen. Passend dazu bieten Hersteller wie Blackmagic Design, Matrox oder Vion Converter und Gateways an, die SDI- und ST-2110-Welten miteinander verbinden.
Blackmagic Design entwickelt Hard- und Software für professionelle Broadcast-, Film- und Produktionsumgebungen und zählt zu den wichtigsten Anbietern im Bereich IP-basierter Live-Produktion. Mit dem 2110 IP Converter bietet das australische Unternehmen eine Lösung zur Integration klassischer SDI-Infrastrukturen in SMPTE-ST-2110-Netzwerke.
Das Gerät wandelt SDI-Signale in IP-Streams und umgekehrt und erleichtert so den schrittweisen Umstieg auf IP-basierte Produktionsumgebungen. Die Lösung richtet sich vor allem an Rundfunkanstalten, Studios und Produktionshäuser, die bestehende SDI-Technik mit modernen ST-2110-Workflows kombinieren möchten
Matrox ConvertIP: Die ConvertIP-Familie umfasst kompakte Encoder/Decoder-Module, die HDMI-, SDI- oder HDBaseT-Signale in IPMX-konforme Streams konvertieren. Sie unterstützen 1- bis 25-Gigabit-Netzwerke, sind PoE-fähig und lassen sich redundant auslegen. Die Plattform basiert auf FPGA-Technologie.
Ergänzt wird dieses Portfolio durch die Software ConductIP für Audio-, Video- und Metadaten-Routing sowie durch SDM-Module, die IPMX-Empfang direkt in Projektoren oder Displays integrieren und externe Decoder-Hardware einsparen.
Vion IP Video Gateway: Der US-Hersteller Vion Labs entwickelt Multi-Codec-Gateways für komplexe IP-Video-Workflows. Das System konvertiert zwischen ST 2110-22, NDI, IPMX sowie H.264/HEVC und unterstützt Streaming-Protokolle wie SRT oder RTSP – geeignet für Umgebungen, in denen mehrere Videoformate parallel genutzt werden.
Kompression und Bandbreite: Der entscheidende Parameter
Eine der grundlegenden Entscheidungen bei der Systemauswahl ist die Frage nach Kompression und Bandbreite. Unkomprimierte oder nahezu unkomprimierte Systeme wie SDVoE oder SMPTE ST 2110 stellen hohe Anforderungen an die Netzwerkinfrastruktur. Je nach Technologie und Signalformat kommen typischerweise 10- bis 25-GbE-Netzwerke zum Einsatz. Ihr Vorteil liegt in minimaler Latenz, sehr hoher Bildqualität und – je nach Verfahren – dem Verzicht auf beziehungsweise der Minimierung von Kompressionsartefakten
Nicht jede AV-over-IP-Installation erfordert jedoch 10-Gigabit-Ethernet. Dank effizienter Codecs lassen sich viele Anwendungen über bestehende 1-GbE-Netzwerke mit geringer Latenz realisieren.
Ein Beispiel dafür ist die evangelische Christus-Gemeinde Neukirchen-Vluyn: Dort überträgt eine Installation auf Basis von Matrox ConvertIP Full-HD-Videos mit Colibri-Kompression über das vorhandene Netzwerk an Projektor und Anzeigemonitore. Die ST-2110/IPMX-fähigen Encoder und Decoder verteilen die Signale per Multicast auf mehrere Endpunkte, ohne dass die bestehende Netzwerkinfrastruktur erweitert werden musste.
JPEG XS hat sich inzwischen als bevorzugter Codec für hochwertige AV-over-IP- und Broadcast-Anwendungen etabliert. Mit Latenzen von typischerweise unter einer Millisekunde verbindet er hohe Bildqualität mit einer moderaten Bandbreite von etwa 1 bis 3 Gbit/s. Colibri verfolgt einen ähnlichen Ansatz und ermöglicht hochwertige Videoübertragung über 1-GbE-Netzwerke.
Bild: Plexus AV
PlexusAV P-AVN-Serie: IPMX-basierte Encoder/Decoder mit Multi-Protokoll-Unterstützung für offene, interoperable AV-over-IP-Architekturen.
Bild: Matrox
Matrox ConvertIP: IP-basierter Converter für ST-2110- und IPMX-Umgebungen zur Verbindung von AV- und Broadcast-Infrastrukturen
Bild: Kiloview
Kiloview N60: NDI-basierter Encoder/Decoder zur Einbindung von HDMI-Signalen in IP-basierte Produktions- und Streaming-Workflows
NDI benötigt je nach Variante rund 100 bis 200 Mbit/s pro Stream, NDI HX beziehungsweise HX3 reduziert dies auf etwa 10 bis 50 Mbit/s und eignet sich damit insbesondere für Konferenzräume und PTZ-Kameras. H.264 und H.265 kommen bereits mit 10 bis 100 Mbit/s aus, gehen jedoch mit Latenzen von 33 bis 100 ms einher, die für Produktions- oder Bühnenanwendungen meist zu hoch sind.
In der Planungspraxis lautet ein häufiger Einwand: „Unsere IT verfügt im gesamten Gebäude über eine 1-GbE-Infrastruktur – können wir trotzdem ein leistungsfähiges AV-over-IP-System aufbauen?“ Die Antwort hängt vom Anwendungsfall ab. Für Besprechungsräume oder Digital-Signage-Anwendungen reicht 1 GbE heute häufig aus. Für Installationen mit mehreren Signalquellen mit 4K-Signalen und sehr niedrigen Latenzanforderungen – etwa in Live-Produktionen, Theatern oder Kontrollräumen – führt aber kaum ein Weg an 10-GbE-Netzwerken vorbei.
Für Systemintegratoren steht deshalb weniger die maximale Auflösung im Vordergrund als die Wahl des passenden Übertragungsstandards. Entscheidend sind die vorhandene Netzwerkinfrastruktur, die zulässige Latenz, die gewünschte Interoperabilität sowie die Integration in bestehende Management- und Steuerungssysteme. Nur wenn diese Faktoren auf die jeweilige Anwendung abgestimmt sind, lässt sich eine leistungsfähige und wirtschaftliche AV-over-IP-Infrastruktur realisieren
Netzwerk, Management, KVM
Ein AV-over-IP-System steht und fällt mit der Netzwerkinfrastruktur. Die Switchfunktion IGMP Snooping ist eine Pflichtanforderung, sobald mehr als ein Dutzend Endpunkte im System arbeiten – ohne korrekte Konfiguration werden Multicast-Streams unkontrolliert im Netz geflutet und belasten alle Ports. IGMP Snooping leitet die Multicast-Datenströme nur an die tatsächlich benötigten Endgeräte weiter. Das spart Bandbreite und macht AV-over-IP-Netzwerke stabiler. QoS-Konfiguration stellt sicher, dass AV-Traffic gegenüber anderen Datenpaketen priorisiert wird. Während IPMX im Gegensatz zu ST 2110 auch ohne PTP asynchron betrieben werden kann, erfordern extrem zeit-sensitive Live-Anwendungen in reinen Broadcast-Umgebungen (ST 2110) zwingend einen Switch mit PTP-Support.
Moderne Encoder/Decoder-Plattformen beschränken sich nicht auf die Signalübertragung. Proprietäre Systeme wie NAV von Extron oder NVX von Crestron bringen eine vollständig integrierte Management-Software mit. IPMX-Systeme setzen auf NMOS als offene, herstellerübergreifende Steuerungsschicht. Nach Einschätzung von Visionary Solutions profitieren Integratoren von der engen Verzahnung von AV- und IT-Infrastrukturen, da sich AV-over-IP-Systeme einfacher skalieren und zentral verwalten lassen.
KVM-over-IP gewinnt an Bedeutung: Mehrere Hersteller integrieren Keyboard-, Video- und Mouse-Weiterleitung direkt in Encoder/Decoder-Hardware. AVPro Edge bietet KVM-Integration in die MXnet-Controller, Matrox ergänzt seine IPMX-Umgebung mit der Avio-KVM-Linie und PlexusAV integriert KVM-Routing nativ in die AVN-Serie. Das ermöglicht die vollständige Fernsteuerung von Workstations – wichtig in Regieräumen, Broadcast-Studios und verteilten Produktionsumgebungen.
Fazit und Ausblick
AV over IP hat sich als Systemarchitektur etabliert – die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie. Offene Standards wie IPMX gewinnen gegenüber proprietären Ökosystemen an Boden, 10-Gigabit-Infrastrukturen setzen sich in anspruchsvollen Installationen zunehmend durch und Encoder sowie Decoder entwickeln sich zu universellen Media-Gateways, die IPMX, NDI, SDVoE und H.264 in einer Plattform vereinen.
Für Systemintegratoren und Planer bedeutet das: Nicht mehr das einzelne Produkt entscheidet über den Erfolg eines Projekts, sondern die Wahl einer zukunftssicheren Plattform und das Verständnis der zugrunde liegenden Protokolle, Netzwerkanforderungen und Management-Schnittstellen.
Die Grenzen zwischen AV-, IT- und Broadcast-Infrastrukturen werden weiter verschwimmen. Wer diese Entwicklungen berücksichtigt, schafft die Grundlage für skalierbare, interoperable Mediensysteme, die sich flexibel an künftige Anforderungen anpassen lassen.
Marktübersicht AV over IP: Encoder, Decoder, Transceiver
Auswahl aktueller Systeme mit wichtigen technischen Merkmalen und typischen Einsatzbereichen (Hinweis: Die Tabelle lässt sich unten horizontal scrollen)
Hersteller
Produkt
Schnittstellen
Auflösung
Technologien/Standards
Netz
Einsatzbereiche (Auswahl)
ADTECHNO
DAV-02 Series
HDMI, USB-C
4K60
Dante AV Ultra
1 GbE
Konferenz & Education
Alfatron
ALF-IPK1HE / IPK1HD
HDMI
4K30
H.264 / H.265
1 GbE
Digital Signage & Konferenz
AMX
SVSI
HDMI
UHD
proprietär
1 GbE
Enterprise & Education
Atlona
LumaStream
HDMI, Ethernet
bis 4K UHD
H.264/H.265, Dante, RTMP/RTMPS
1 GbE
Corporate, Education, Digital Signage
AVPro Edge
AC-MXNET-10G-TCVR
HDMI, SFP+
4K
SDVoE
10 GbE
Kontrollraum & Bühne
BirdDog
Flex 4K IN / OUT Serie
HDMI oder SDI (modellabhängig), Ethernet
bis 4K60
NDI High Bandwidth, NDI HX
1 GbE (PoE)
Live-Produktion, Remote-Produktion, Broadcast
Blackmagic
2110 IP Converter
SDI
4K
SMPTE ST 2110
10 GbE
Broadcast
Bolin
EG40N
HDMI, SDI
4K60
NDI / HX
1 GbE
Broadcast & Live-Produktion
Crestron
DM NVX 384
HDMI, USB-C
bis 5K
JPEG XS
1 GbE
Corporate AV
Danacoid
DM-9100
HDMI 2.0, USB, RS-232/485, IR, RJ45, SFP
4K60 (4:4:4)
proprietär
1 GbE
Kontrollräume, Leitstände, Enterprise AV
Extron
NAV SD 121 / E 222
HDMI, USB-C
4K60
PURE3
1 GbE
Enterprise & Education
IDK
IP-NINJAR
HDMI, 3G-SDI
4K60 (4:4:4)
SDVoE
10 GbE
AV-Installationen, Theater, Event, KVM, Education, Enterprise, Digital Signage