Kolumne

Einmal mit Profis arbeiten

Es war einmal, vor vielen vielen Jahrhunderten, da erlernte ein Mensch ein Handwerk und konnte davon leben. Sein Lehrherr (jawoll, so nannten die sich vor der Einführung des Meistertitels) brachte ihm alles bei, was er selber wusste. Lange Arbeitstage und viel – oft leidvolle – Erfahrung begleiteten den Handwerker, bis er selber zum Lehrherrn wurde und sein Wissen an die nächste Generation weitergeben konnte.

Uwe Röddinger
Uwe Röddinger (Bild: Comm-Tec)

Heute sieht die Situation anders aus. Handwerker will keiner mehr werden. Nach einem Turboabitur studieren alle Betriebswirtschaft. Nur so können Millionen verdient werden, und man lernt auch noch nebenbei die Tricks, diese nicht zu versteuern! Warum also im Blaumann auf einer Leiter einen Projektor unter eine angebohrte Halterung schrauben? Nun ja, weil es sonst niemand tut. Welches Wissen muss denn ein solcher Handwerker haben? Immerhin ist kein Studium notwendig. Was also kann ich von einem Handwerker erwarten?

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Elektrotechnik, Digitaltechnik, Programmierung von Legacy- Control-Systemen, Audiotechnik, Umgang mit Mikrofonen und Lautsprechern, unsymmetrische und symmetrische Audiosignale, Videotechnik, Projektoren, Optiken und Projektionsfläche, Hängelasten, Sicherheitsvorschriften, gesunder Menschenverstand … das wird nur die Hälfte dessen sein, was eine Fachkraft bei einem AV-Projekt braucht. Und es wird nicht weniger. Je bekloppter die Filmindustrie (HDCP 4.7.11) oder die Display-Hersteller (8K-Auflösung @ 240 fps), umso höher werden die Anforderungen an die Mitarbeiter, die das von Experten geplante Szenario an Wände und Decken schrauben, verkabeln und in Betrieb nehmen müssen.

Dabei kommt es schon mal zu Fehlleistungen. Wen wundert‘s? Aber solche Fehlleistungen treten in der Regel immer dann ein, wenn sie am wenigsten zu gebrauchen sind. Da wir AV-Leute immer zum Schluss an der Reihe sind, kommen so läppische Dinge wie Soundcheck, einstellen und optimieren der Projektoren und andere Dinge meist erst recht spät zum Zug. Also in der Nacht vor der Eröffnung. So ging es dann einem Kunden, der ein aufwendiges, zentral gemanagtes Audiosystem über Nacht zum Laufen bringen musste.

Er rief mich spät abends auf dem Handy an: „Uwe, alle unsymmetrischen Quellen klingen furchtbar, alle symmetrischen wunderbar. Wie kann das sein?“ Nachdem wir den Pegelblues durchhatten, bin ich von meiner Skatrunde weg an meinen Rechner zu Hause und habe mich mit seinem System verbunden. Nachdem ich die Konfiguration ausgelesen und angeschaut hatte, war klar: Hier war alles in Ordnung. Allerdings fiel mir auf, dass bei allen unsymmetrischen Eingängen immer nur ein Kanal Pegel anzeigte – und zwar der Linke. Und dann kam mir die Idee: Die Verkabelung. Und genau so war es dann auch. Der Techniker, der die Kabel angefertigt hatte, hatte fast alles richtig gemacht: ordentliche Stecker für die Consumergeräte, ordentliches Kabel mit geringer Kapazität, sorgfältige, korrekte Beschriftung an allen drei Stellen, sauber abisolierte Kabel mit Aderendhülse am Phoenixstecker. Aber genau hier lag das Problem: Er hatte das Stereosignal auf einen symmetrischen Monoeingang gelegt! Links auf +, Rechts auf – und Masse auf Masse. Ich brauche wohl nicht zu erklären, was dadurch passierte. Problem erkannt, Problem gebannt. Mein Kunde happy, alles gut. Einweihung gerettet.

Szenenwechsel. Ich hatte das Vergnügen, vor einigen Jahren sehr intensiv mit chinesischen Firmen zu arbeiten. Wenn bei denen so etwas passiert, dann setzen sich nach dem Projekt alle Beteiligten zusammen und reden. Und zwar nicht nach dem Motto: „Hätte der Idiot nicht die Kabel falsch aufgelegt, dann wären wir 12 Stunden früher fertig geworden!“, sondern nach dem Motto: „Wie können wir verhindern, dass so etwas nochmal passiert?“ Und dabei wäre klar geworden: Der Handwerker mit seinen Kenntnissen ist hier überfordert. Nicht weil er dumm ist, keine Lust hat oder er als ehemaliger Elektriker für seine Aufgabe nicht qualifiziert wäre. Sondern weil seine Lehrherren ihm nix von symmetrischem Audio erzählt haben!

Wenn wir also die nächsten Jahrhunderte überleben wollen, ohne ständig unseren Mitarbeitern hinterherräumen zu wollen, dann geht das nur durch Lehren und Lernen! Schicken Sie Ihre Mitarbeiter auf Weiterbildungen, Fachseminare, Herstellerseminare. Und zwar nicht, weil Sie dazu gezwungen werden, sondern weil Sie Ihre Handwerker brauchen! Keine Zeit? Zu viel zu tun? Tröööt! Falsche Antwort! Kennen Sie die Geschichte vom Holzfäller? Sein Arbeitspensum und seine Akkord Vorgaben wuchsen ständig. Als sein Vorarbeiter bei ihm im Wald vorbeikommt, schimpft er wie ein Rohrspatz. Als er dann den Spruch raushaut „… und das alles auch noch mit einer stumpfen Säge!“, muss er sich die Frage seines Vorarbeiters gefallen lassen, warum er denn seine Säge nicht schärfe. „Dazu habe ich keine Zeit, ich schaffe sonst meine Vorgabe nicht!“ Helfen Sie Ihren Mitarbeitern, dass ihre Sägen scharf bleiben. Und geben Sie ihnen die Zeit, ihre Säge zu schärfen. Sie werden es nicht bereuen. Und ich brauche mein Skatspiel nicht mehr zu unterbrechen.

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