Produkt: Professional System 03/2019
Professional System 03/2019
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Harman-Übernahme durch Samsung: Professionelle Medientechnik als Kollateralschaden?

Samsung Electronics will den HiFi-Spezialisten und Autozulieferer Harman International Industries erwerben und sich damit eine Pole-Position in der Automobilbranche sichern. Doch wie wird sich die geplante Übernahme auf andere Produktbereiche von Harman – insbesondere den professionellen AV-Bereich – auswirken? Ein Thema mit vielen Fragezeichen.

WayRay Zukunft
(Bild: WayRay)

Professionelle Medientechnik und Unterhaltungselektronik hat über Jahrzehnte eine enge Symbiose verbunden. War es doch der Massenmarkt, der professionelle Produkte zu erschwinglichen Preisen ermöglichte. Bestes Beispiel sind Flachbildmonitore, die ohne LCD-TV längst noch nicht die Vielzahl von neuen Märkten erschlossen hätten. Dabei war der professionelle Markt gezwungen, für den Massenmarkt optimierte Formate wie 16:9 zu übernehmen. Inzwischen stellt die Unterhaltungselektronik einen eher unbedeutenden Markt dar.

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Ehemalige Schwergewichte wie Grundig, Philips, Blaupunkt, Sharp oder AEG existieren in diesem Umfeld nur noch als Marke. Das Verhältnis zwischen professioneller Medientechnik und Unterhaltungselektronik scheint sich umzukehren. Im Rahmen der Digitalisierung ist auf der professionellen Seite immer mehr Software entstanden, die in Form von hochintegrierten, aber preiswerten Komponenten in Massenprodukten verbaut werden.

Die Automobilbranche lockt

Der Zugang zu attraktiven Marktsegmenten oder anspruchsvollen Technologien weckt heute Begehrlichkeiten bei potenziellen Käufern. Denn ein solcher stellt sich auch für Riesenkonzerne mit nahezu unerschöpflichen Ressourcen als mühseliges und zeitaufwendiges Projekt dar. Übernahmen stehen dann auf der Tagesordnung. Ein aktuelles Beispiel: Samsung Electronics hat den Aktionären von Harman Mitte November 2016 angeboten, deren Aktien zum Preis von 112 US-Dollar je Stück zu übernehmen.

Das entsprach einem Aufschlag von ca. 28 Prozent bezogen auf den seinerzeitigen Aktienkurs. Mit einem Wert von ca. 7,4 Milliarden Euro handelt es sich um die größte Übernahme eines ausländischen Unternehmens durch einen koreanischen Konzern in der Geschichte des Landes. Doch was macht Harman für Samsung so attraktiv? Mit ca. 29.000 Mitarbeitern weltweit gehört Harman zu den Großen im Markt. Im Geschäftsjahr 2016, das am 30. Juni 2016 endete, realisierte Harman einen Umsatz von 6,9 Milliarden US-Dollar bei einem Gewinn von 700 Millionen US-Dollar.

Mehr als 60 Prozent des Umsatzes entfielen dabei auf die Automobilindustrie. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum war das eine Steigerung von 24,3 Prozent. Damit belegt Harman unter den Top 100 Zulieferern die Position 57 mit steigender Tendenz. Daneben hat Harman aus diesem Marktsegment offene Aufträge im Wert von 24,1 Milliarden US-Dollar in den Büchern.

Wie geht es weiter für Harman?

Unter dem Samsung-Konzerndach soll Harman zukünftig als unabhängige Tochter unter der Leitung von Dinesh Paliwal agieren. Der Deal muss aber noch von Aktionären und Aufsehern abgesegnet werden. Es ist geplant, die entsprechenden Prozesse bis Mitte 2017 abzuschließen. Alexander J. Roepers, Gründer und Chief Investment Officer von Atlantic Investment Management, hat allerdings schon Mitte Dezember 2016 angekündigt, dass er gegen die Übernahme stimmen wird. Mit 2,31 Prozent ist diese Beteiligungsgesellschaft der achtgrößte Aktionär von Harman.

Roepers ist überzeugt, dass der Übernahmekurs von 112 US-Dollar unter dem wirklichen Firmenwert liegt. Er verweist in diesem Zusammenhang auf den Höchstkurs von 145 US-Dollar vom April 2015. Aus heutiger Sicht erscheint es aber eher unwahrscheinlich, dass die gesamte Übernahme an dieser Diskussion scheitern könnte.

Abkehr vom professionellen Bereich?

Die zukünftige Richtung von Harman wurde auf der CES 2017 in Las Vegas sozusagen schon angedeutet. Von 25 Pressemeldungen des Unternehmens bezogen sich die ersten sechs auf Innovationen für die Automobilindustrie. Mit den restlichen Meldungen wurden Produktneuheiten von JBL, Revel, AKG, Infinity und Mark Levinson vorgestellt.

AMX oder andere professionelle Brands tauchten in diesem Zusammenhang überhaupt nicht mehr auf. Das Highlight auf dem Messestand von Harman war hingegen die Vorstellung der Rinspeed-Konzeptstudie „Oasis“, dem selbstfahrenden E-Mobil für Stadt und Umland des Schweizer Auto-Visionärs Frank M. Rinderknecht. Dabei ist der automatisiert fahrende Eidgenosse weder graue Maus, noch nur zweckmäßig wie das Google Car, sondern eher „Next Generation“ – mit vielen technischen und optischen Leckerbissen inside.

Rinspeed E-Auto
Auf der CES in Las Vegas wurde die Rinspeed-Konzeptstudie „Oasis“ präsentiert – ein selbstfahrendes E-Mobil für Stadt und Umland. (Bild: Rinspeed)

Bei so viel geballter „Automobilvision“ wundert es nicht, dass es sich auch der Chef von Samsung nicht nehmen ließ, sich diese Präsentation auf dem Messestand von Harman persönlich anzuschauen. Auch die Aussage von Konzernchef Dr. Oh-Hyun Kwon unterstreicht die Bedeutung, die dem Zukauf von Harman aus Sicht von Samsung zukommt: „Harman ergänzt Samsung perfekt in Bezug auf Technologien, Produkte und Lösungen sowie bei der Bündelung der Kräfte und ist eine natürliche Erweiterung der Automobilstrategie, die wir seit einiger Zeit verfolgen.“ Denn bereits im Dezember 2015 hat Samsung ein Team zur Bearbeitung des Automotive Electronics Business gegründet. Mit dieser Gruppe soll der Bereich Automotive von Harman eng zusammenarbeiten.

Reichlich Luft für Spekulationen

Für Samsung ist der Zugang zur Automobilindustrie kaufentscheidend. Lifestyle Audio und Connected Services – u. a. Internet of Things (IoT), Cloud oder Big Data – stellen für Samsung interessante Ergänzungen zum eigenen Produktportfolio dar.

Insbesondere die 8.000 Softwareentwickler, die bei Harman im Bereich Connected Services arbeiten, betrachtet Samsung als attraktives Potenzial, um den IoT-Markt schneller für sich zu erschließen. Harmans professionelle Lösungen mit Marken wie AKG, AMX, BSS, Crown, dbx, JBL, Lexicon, Martin, Soundcraft oder Studer scheinen für Samsung in Bezug auf Technologie und Marktzugang nicht so interessant zu sein.

In der Pressemitteilung zur Übernahme heißt es in Bezug auf den Professional-Bereich nur ganz lapidar: „Mit dem Zusammenschluss wird sich auch die B2B-Plattform des kombinierten Unternehmens er – weitern – durch ihre Fähigkeit, integrierte, großformatige, professionelle AV-Lösungen an Stadien, Konzerthallen und andere Veranstaltungsarenen zu liefern, beispielsweise für das John F. Kennedy Center für darstellende Künste und das Staples Center, dem Zuhause der Grammy Awards.” Solch allgemeine Aussagen lassen Raum für jede Menge Spekulationen.

Ein großes Interesse von Samsung an den professionellen Lösungen von Harman klänge anders. Solange die einzelnen Marken profitabel am Markt agieren, dürfte sich an der aktuellen Konstellation wenig ändern. Auf mittlere Sicht wäre aber auch ein Weiterverkauf der gesamten Sparte nicht unrealistisch. Die derzeitige Unternehmensstruktur von Harman scheint jedenfalls nicht hinderlich für derartige Überlegungen.

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