Kolumne

Mars Climate Orbiter – oder warum ich manchmal weinen möchte

Erinnern Sie sich noch – 1999? ESA und NASA bringen eine 200 Mio. USD teure Digitalkamera mit integriertem Smartphone in eine Marsumlaufbahn. Beinahe jedenfalls: Das Ding sollte in einem exakt definierten Abstand am Mars vorbeibrettern und die Gravitation des Planeten nutzen, um die Flugbahn abzulenken und so eine stabile Umlaufbahn zu erreichen.

Uwe Röddinger
Uwe Röddinger (Bild: Comm-Tec)

Damit spart man eine Menge Sprit – eine seit Jahrzehnten bewährte, funktionierende und realisierbare Technik. Dazu peilte das Smartphone einen Abstand von 150 km über der Oberfläche an. Dachte die ESA/NASA. In Wirklichkeit schmetterte der Apparat mit ausgeklappten Sonnensegeln in knapp 50 km am roten Planeten vorbei. Hey! Nach 250 Millionen km Reise sind 100 km doch ein Klacks. Theoretisch ja, praktisch leider nicht. In 50 km Höhe ist die Marsatmosphäre schon so dicht, dass die Sonnensegel verdampften und die Kiste nicht richtig um die Ecke kam. Alle ESAnianer/NASAnianer warten lässig darauf, dass das Smartphone hinter dem Mars wieder auftaucht. Aber es kam nicht. Lost in Space. Erstaunlich schnell kamen die Mitarbeiter der beiden Teams der Ursache auf den Grund: 1 cm = 1 Inch. Während die Software der US-Boys ’n’ Girls mit imperialen (angloamerikanischen) Maßen gerechnet hat, taten unsere Jungs und Mädels das mit metrischen Maßen. Dumm gelaufen.

Anzeige

Was aber hat das jetzt mit der AV-Welt zu tun? Nun ja, leider viel zu viel! So ergab es sich, dass ein großes Projekt vor dem Abschluss stand – Samstagnacht, am Montagmorgen offizielle Eröffnung. Alle Einstellungen sind gemacht, alle Geräte montiert. Nur noch die vorgefertigten Kabelbäume mit ihren Steckern einstecken und der Soundcheck kann beginnen. Ich wandere schon mal an die FOH- Position, Laptop auf dem Schoß. Mein Funkgerät krächzt. „Stecker passt nicht.“ Krächz. „Welcher?“ Krächz, Krächz. „Mikrofoneingänge.“ Krächz. „Hallo? Ist es schon so spät? Du nimmst den Stecker in die rechte Hand, schaust mit beiden Augen auf die Buchse, guckst wie ’rum die anderen Stecker drin stecken und schiebst dann den Stecker genau so rein!“ Krächz, Krächz. „Geht nicht.“ Krächz, Krächz. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“ Krächz, Krächz. „Geht nicht.“ Krächz. Fluchend und an mir und der Welt zweifelnd (ich könnte heulen – einmal mit Profis arbeiten!) renne ich die 300 m von der Halle in die Regie. Sagen tu ich nix, der Blick des Technikers meines Kunden spricht Bände. Souverän schnappe ich mir den Stecker und … geht nicht. Kruzifix, was soll das?

Wie sich herausstellt, hat die Werkstatt meines Kunden, die den Schrank gebaut und die Kabel konfektioniert hat, nicht die zum Gerät gehörenden 24-poligen, orangenen Phoenix-Stecker verwendet, sondern die Stecker aus der Bauteileschublade „P“ in der Werkstatt genommen, in der es genug davon gab. Und so mussten wir samstagsnachts unser Wissen auffrischen, dass es auch bei uns imperiale und metrische Stecker gibt. Die eine Steckerreihe, orange, hat einen Kontaktabstand von 2,54 mm, die andere orangefarbene Reihe hat einen Kontaktabstand von 2,5 mm. Bei zwei Pins geht das gerade noch, ab drei Pins wird es SCHWIERIG, bei 24-Pin kannst du es vergessen. Und da der Karton mit den Unterlagen und Zubehören bereits aufgelöst und abgelegt wurde, haben wir jetzt ein Problem. Wo kriegen wir einen passenden Stecker her? Es wurden alle Werkzeug-/ Krusch-/Kabelkisten durchgesucht. Gefunden wurden eine ganze Menge Stecker, aber nur ein schwarzer und ein grüner zwölfpoliger im passenden Rastermaß! Sieht toll aus: Orangener Eingang, 24 Pin, darin ein grüner und ein schwarzer Stecker. Aber hey! Es tut’s und die Eröffnung kann kommen! Und das alles nur, weil ein paar hochbezahlte Raketenwissenschaftler den Mars verfehlt haben!

Mein Wunsch an die Steckerindustrie: America first! Alle imperialen Stecker sind pink, babyblau und hellgrau – alle metrischen Stecker sind grün, orange und schwarz. Dann klappt es auch mit den Nachbarn. Und samstagsnachts gibt es keine Missstimmungen mehr. Aber ich träume ja auch noch vom smarten Smartphone.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: