Variabilität durch Vorhänge von Gerriets

Akustikvorhänge: Einsatz, Grundlagen & Erfahrungen

Folien, Vorhänge, Schienensysteme und Steuerungen gehören zu den Kernkompetenzen der Gerriets GmbH. Im Produktportfolio finden sich auch Lösungen, die sind für akustische Anwendungen optimiert sind und u. a. eine variable Gestaltung der Raumakustik ermöglichen.

(Bild: Christiane Bangert)

Welche raumakustischen Lösungen gibt es für eine Kirche, deren Nachhallzeit bei Orgelkonzerten passt, aber komplett ungeeignet ist für Vorträge, die ebenfalls dort stattfinden? Oder für einen Gemeindesaal, in dem jedoch im Normalfall Gemeindetreffen mit Reden und Diskussionen eine kurze Nachhallzeit verlangen. Gleichzeitig werden dort Konzerte aufgeführt, die ebenfalls gut klingen sollen … Eine Möglichkeit, den unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Sound-Anforderungen für ein und denselben Ort gerecht zu werden, ist eine Raumakustik, die sich der jeweiligen Nutzung anpassen lässt.

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Einer der schalldämmenden Vorhänge vor einem Besprechungsbereich bei der Gerriets GmbH (Bild: Christiane Bangert)

 

Diese Variabilität lässt sich in gewissem Rahmen vergleichsweise einfach mit Vorhängen schaffen – ein Kerngeschäft von Gerriets. Zu einem Vorhang gehört, dass er sich gut bewegen lässt. Und auch auf diesem Gebiet hat Gerriets durch seine Wurzeln in der Theatertechnik jahrzehntelange Erfahrungen. Das Unternehmen aus Umkirch nahe Freiburg bietet hierzu mechanische Lösungen von manuell bedienbaren Schienen bis zu komplexen motorisch angetriebenen Systemen an.

Variabilität im Fokus

„Wenn wir über neue Produkte nachdenken, dann geht es immer um Variabilität, nicht um feststehende Einrichtungen wie Wand-Paneele oder Ähnliches. Mit eigener Metallwerkstatt, Entwicklung von Steuerungen und Erarbeitung projektbezogener Sonderlösungen liegt unsere Stärke in allem, was sich bewegt“, erklärt Jonas Schira, Projektleiter Akustik bei Gerriets. Wie dies in der Praxis aussieht, demonstriert Gerriets in seinem Showroom: dort „tanzen“ Vorhänge und Folien verschiedenster Ausfertigung quasi im Takt über die Bühne.

Absorbierende und lichtdurchlässige Vorhänge

„Ende der 90er Jahre wurden die ersten Messungen zur Schallabsorption gemacht, das akustische Verhalten der Stoffe war aber nicht das Kernthema“, erläutert Jonas Schira. „Das hat sich in den letzten Jahren verändert und letztendlich zur Schaffung dieser Stelle geführt.“ Gutachten von Hallraummessungen der absorbierenden Textilien bilden die Grundlage zur Einteilung in Stoffe mit hohem oder mittlerem Absorptionsgrad.

Die Palette der akustisch wirksamen Stoffe reicht von einfachem, recht günstigem, drei Meter breiten Bühnenmolton R 55 von circa 7,30 Euro pro laufendem Meter mit einem  bewerteten Schallabsorptionsgrad von 0,75 (gerafft mit 100 % Faltenzuschlag) über diverse Velours und Wollstoffe bis hin zum recht neuen und weniger günstigen Absorber CS. Die Kosten dieses Stoffes belaufen sich auf ca. 49 Euro pro laufendem Meter bei 180 cm Bahnbreite mit einem bewerteten Schallabsorptionsgrad von 0,85 (gerafft mit 100 % Faltenzuschlag).

Ein Besprechungsbereich bei Gerriets ist ebenfalls mit einem schalldämmenden Vorhang ausgestattet (Bild: Christiane Bangert)

 

 

Neben Preis und Absorptionsverhalten spielt das Brandverhalten bei der Auswahl eine Rolle. „Den Absorber CS haben wir entwickelt, um eine Alternative zu den Wollstoffen bieten zu können“, erläuterte Jonas Schira. Der Absorber CS besteht aus 100 Prozent Trevira und ist damit nicht nur dauerhaft schwer entflammbar, sondern weist auch nach den recht neuen europäischen Baustoffklassen nur eine geringe Rauchentwicklung und kein brennendes Abtropfen auf.“

Zudem gehört der Absorber CS zu den bedruckbaren Stoffen von Gerriets und hat auch schon einlagig bei einem Wand – abstand von 29 cm einen bewerteten Schallabsorptionsgrad von 0,75. Schallabsorbierende Vorhänge werden schnell mit schweren, dicken, verdunkelnden Stoffen assoziiert und damit gerade in Räumen mit Tageslicht und Glasfronten aus architektonischen oder betrieblichen Gründen nicht gewünscht.

Dass absorbierend nicht zwingend mit dunkel und schwer einhergeht, das stellte Annette Douglas mit ihrer „Silent Space Collection“ bereits im Frühjahr 2011 unter Beweis. Die hellen, lichtdurchlässigen Stoffe wirken eher wie Gardinen und sind dabei akustisch mittel bis hoch wirksam. In ihrem Absorptionsverhalten sind sie wesentlich dickeren Stoffen ebenbürtig. Unter Absorber LIGHT vertreibt Gerriets die Stoffe von Annette Douglas weltweit.

 

Vorhänge für akustische Trennung

Vorhänge haben in erster Line einen Einfluss auf die Raumakustik. Aus entsprechendem Material gefertigt, mindern sie die Nachhallzeit und wirken ungewünschten Reflexionen  entgegen, die sonst z. B. zu unangenehmen Flatterechos führen können. Ihre schalldämmende Wirkung ist aber so minimal, dass man sie vernachlässigen kann: So kann man ein Gespräch auf der einen Seite des Vorhangs auf der anderen Seite gut verstehen; die Minderung der Lautstärke ist sehr gering.

Um jedoch auch mit Vorhängen eine gewisse akustische Trennung zu erreichen, hat Gerriets spezielle mehrlagige Vorhänge entwickelt. Da ist zum einen der klassische Schallvorhang mit dem Haupteinsatzbereich Theater zu nennen. Zum anderen hat man mit dem Raumtrennvorhang Office auch eine spezielle Lösung für Büros: Auf der Vorder- und Rückseite besteht er aus Bühnen-Velours, während die Innenlage schallhart ausfällt bzw.

Die schalldämmenden Vorhänge besitzen mindestens eine Innenlage aus reflektierenden Folien, oder mehrlagig abwechselnd absorbierende Stoffe und reflektierende Folie (Bild: Christiane Bangert)

bei mehreren Innen – lagen abwechselnd schallhart und schallabsorbierend. Durch die Wechselwirkung aus Reflexion und Absorption wird eine gewisse Schalldämmung erreicht. Mit der 7-lagigen Version lässt sich laut Herstellerangabe ein Schalldämm-Maß um 18 dB erreichen. „Die Messwerte aus dem Labor stimmen gut mit den Messungen im Einsatz überein“, erklärt Jonas Schira. Im Vergleich zu einer massiven Wand ist das nicht viel, im Vergleich mit anderen Vorhängen oder Schallschirmen hingegen schon.

Und es geht noch etwas mehr, wie Jonas Schira schildert: „Im Einsatz haben wir auch schon eine 12-lagige Variante gemessen und dabei ein Schalldämm-Maß von 26 dB ermittelt.“ Im Firmengebäude von Gerriets kommen Vorhangkombinationen zur Schalldämmung in den offenen Bürobereichen an mehreren Stellen zum Einsatz, etwa zum Abtrennen von Besprechungsbereichen oder Trennung zwischen Teeküchenbereich und Büro. Das Gespräch mit Jonas Schira fand denn auch in einem solchen, durch Vorhang vom restlichen Büro getrennten Besprechungsbereich statt, so dass die Wirkung auch gleich demonstriert wurde: Durch die Dämpfung der Höhen wirkten die Geräusche von außen wesentlich weniger aufdringlich und merkbar leiser.

 

Veränderung der Raumakustik

Eine besondere Lösung in Sachen Akustik stellt auch das Akustik-Rollbanner G-Sorber dar – ein System, das es quasi von der Stange gibt. Dank zweier, im Abstand von 10 cm hintereinander platzierte Stoffbahnen aus Absorber CS wird schon in den unteren Oktaven eine merkliche Absorption erreicht: Hängen die Bahnen offen, so haben sie im 250-Hz-Oktavband laut Hersteller einen praktischen Schallabsorptionsgrad von 0,35.

Werden die Bahnen von einem Holzrahmen umrandet, so erhöht sich der praktischen Schallabsorptionsgrad im 250-Hz-Oktavband auf 0,65. In den darüber liegenden Frequenzbereichen arbeiten die Banner ohnehin effektiv – mit einem bewerteten Schallabsorptionsgrad von 0,9 erreichen sie die Schallabsorberklasse A. Ein Vorteil ergibt sich auch aus der Unterbringung der Mechanik in einem 35 cm breiten und 65 cm hohen Kasten: Wenn die Vorhänge nicht benötigt werden, werden sie vollständig in dem Kasten aufgerollt und verursachen dadurch keine parasitäre Absorption.

 

Im Showroom werden Vorhänge, Folien, Mechaniken und Steuerungen in einer automatisierten Show präsentiert (Bild: Christiane Bangert)

Die Banner sind in Breiten zwischen 1 bis 4,4 m verfügbar und können bis zu 10 m lang sein. Da sie motorisch verfahrbar und mit Steuerung ausgestattet sind, lassen sich unterschiedliche Anpassungen eines Saales programmieren; Gruppen und Einzelfahrten sind möglich. Im Einsatz können sie dann reproduzierbar über einfache Bedienelemente wie Tasten in die passende Position für die jeweilige Nutzung gefahren werden. Bedruckbar und in Sondereinfärbungen lassen sich die Vorhänge dem jeweiligen Interieur entsprechend ausführen.

 

Tieftonabsorber

Vorhänge haben im tieffrequenten Bereich keine nennenswerte Absorption. Gleiches gilt für andere poröse Absorber, also offenporige Materialien, in die Schallwellen eindringen können, solange sie nicht besonders dick sind oder einen großen Abstand zur Wand haben. Tieftonabsorption ist jedoch ein wichtiger Bestandteil von raumakustischen Maßnahmen – nicht nur in qualitativ hochwertigen Räumen wie Konzertsälen, sondern auch gerade in Räumen, die mit Beschallungsanlagen und einem „ordentlichen Bass“ ausgestattet sind.

Um temporär oder fest eine Lösung gegen wummernde, tiefdröhnende Säle zu finden oder bei einer variablen Raumakustik die unteren Frequenzbereiche nicht außen vor zu lassen, hat Gerriets die variablen Bassabsorbern aQflex und aQtube im Programm. Die aufblasbaren Schläuche aus Folie werden in der Folienschweißerei von Gerriets gefertigt und arbeiten als Membranabsorber. In ihren Maßen und der technischen Ausführung unterscheiden sich die beiden Varianten: Die aQflex für den permanenten Einsatz sind etwas kleiner und werden zum Aufblasen an ein Lüftungssystem angeschlossen.

 

Die Näherei mit den langen Nähtischen bei Gerrites
Die Näherei mit den langen Nähtischen (Bild: Christiane Bangert)

Die aQtube können mit einem Gebläse befüllt und so bei temporären Anwendungen eingesetzt werden. Beiden Systemen ist gemein, dass auch sie dem Grundgedanken von Gerriets entsprechend Variabilität schaffen: Ohne Luft in den Schläuchen haben sie keine akustische Wirkung und lassen die Nutzung des Saals mit seiner ursprünglichen Akustik zu. Eingesetzt wurden die Bassabsorber schon bei unterschiedlichen Konzerten, z. B. bei Kraftwerk und dem Eurovision Song Contest. Auch bei der Tonmeistertagung in Köln kamen sie in dem Saal zum Einsatz, in dem auch musikalische Darbietungen stattfanden.

 

 

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