Nachhaltigkeit: Produktzertifizierung made in Sweden

Welches Potenzial hat TCO Certified für die AV-Branche?

Auf Nachhaltigkeit beim privaten Kauf eines neuen Elektro­geräts zu achten, ist Verbrauchern sehr einfach gemacht worden. Zumal dies ein wesentliches Marketing- und damit nicht weniger ein Verkaufsargument ist. Von A bis G wer­den die Geräte klassifiziert. Zusätzlich finden sich einige Zertifizierungen, wie z. B. Energy-Star. In der ProAV Bran­che sieht es dahingegen etwas schwieriger aus. Doch auch hier gibt es einige wenige Zertifizierungen, auf die geachtet werden kann. Eine davon nennt sich TCO Certified.

TCO Certified Banner(Bild: TCO Certified)

Inhalt dieses Nachhaltigkeitsartikels:

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Was ist TCO Certified?

TCO steht dabei für Tjänstemännens Centralorganisation und ist der schwedische Gewerkschaftsdachverband für Angestellte, welcher bereits in den 1930er-Jahren aktiv war. Als Zertifizierung ist dieses Kürzel in Verbindung mit dem Zusatz „Certified“ seit den 1990er-Jahren bekannt. Angefangen hat alles mit Computerbildschirmen, die in dieser Zeit immer mehr den Arbeitsplatz bevölkerten – ein Trend, der nicht abgenommen hat. Die Geräte waren nicht sehr effizient, und einige Emissionen führten oft zu Kopfschmerzen. Die Zertifizierung der Bildschirme sollte die Beschaffung von Elektronik mit dem Ziel einer angenehmeren Arbeitsatmosphäre im Büro erleichtern. Von da an entwickelte sich die Zertifizierung immer weiter: Zunächst wurde TCO Certified um Kriterien zum Ausschluss gefährlicher Substanzen erweitert. Da­zu zählen z. B. Blei, Cadmium, Quecksilber oder andere chlorierte Substanzen. Updates gibt es seitdem alle drei Jahre, die die Ergonomie – also z. B. die Einstellbarkeit von Bildschirmen – sowie deren Anzeigequalitäten in den Fokus rückten. 2009 erfuhr die Zertifizierung eine Erweiterung der dritten Säule der Nachhaltigkeit: die soziale Komponente. Damit erhöhte sich das Bewusst­sein z. B. bei der Fertigung von Produkten für Arbeitssicherheit, schlechte Arbeitsbedingungen, Überstunden und Zwangsarbeit. Eine Ausweitung erfuhr die Zertifi­zierung 2015 zur Verantwortung der Lieferkette eines jeden Produkts.

Grafik Lieferkette eines IT-Produkts
Die Lieferkette eines IT-Produkts kann genauso vielfältig sein wie die Wurzeln eines Baumes. Dabei spielen Rohstoffe und Minen eine Rolle, genauso wie Fertigungsstandorte. Aufgrund der großen Anzahl an verschiedenen Materialien und Teilen können viele Firmen an der Lieferkette beteiligt sein. (Bild: TCO Certified)

Das vorletzte Update drei Jahre später schließt das aktuelle Argument der Nachhaltigkeit mit ein: die Kreis­laufwirtschaft. Dabei geht es darum, den Lebenszyklus eines Produktes nach Vollendung der Nutzungsphase nicht enden zu lassen. Viel mehr startet der Zyklus dann von vorne, da technische Komponenten leicht weiter­verwertet und Verpackungen recycelt werden können. Im besten Fall ist somit nur eine geringe Neuschöpfung von Rohstoffen zur neuen Produktion notwendig.

Die 9. Generation von TCO Certified von 2021 ver­schärft die bisherigen Faktoren. U. a. sind die Kriterien hinsichtlich der transparenten Lieferkette, die Auswahl der sicheren Chemikalien zur Produktion sowie die Maßnahmen für die Kreislaufwirtschaft zur Reduktion von Elektroschrott strenger.

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Produktbereiche

Die Zertifizierung TCO Certified schließt zurzeit elf Pro­duktbereiche ein. Dazu zählen u. a. Projektoren, Server, PCs, Bildschirme, aber auch weitere Consumer-Produkte wie z. B. das Smartphone. Im ProAV-Bereich ist es noch ausbaufähig. In seiner Abdeckung wird das Zertifikat oft mit der EnergyStar-Auszeichnung verglichen, wobei sich dieses lediglich auf einen Sektor konzentriert.

Die Bewertung von TCO stützt sich auf acht größere Kri­terienbereiche, die sich wiederum in tiefergehende Themen aufteilen – sogenannte Nachhaltigkeitsleistungsindikatoren.

1) Produkt- und Nachhaltigkeitsinformationen

Im ersten Bereich wird die allgemeine Transparenz und der Zugang zu Informationen bewertet. Sind diese leicht zugänglich? Stimmen die angegebenen Spezifikationen mit den realen Bedingungen überein? Weiterhin muss das Produkt in sog. Leistungsindika­toren punkten, bei denen u. a. die Materialien auf ihre Recyclingfähigkeit getestet werden und ob sich einzelne Komponenten austauschen lassen.

2) Sozialverträgliche Fertigung

Die Bewertung der Fertigung kann nur geschehen, wenn die Lieferkette transparent einsehbar ist. Nur so können folgende Aspekte im Herstellungsland beurteilt werden. Dazu zählt, die Wahrung von Kinderrechten, Arbeits-, Gesundheits- und Sicherheitsgesetzen zu prüfen. Die wichtigsten Unterlieferanten müssen an­gegeben werden. Zur Fertigung gehörige Materialien müssen aus verantwortungsvollen Quellen stammen, welche durch unabhängige Kontrolleure überprüft werden. Darüber hinaus sind Managementsysteme zu Anti-Korruption (siehe ISO 37001) sowie zu Prozesschemikalien Pflicht. Zu Letzterem gehört, dass nur als sicher eingestufte Chemikalien Verwendung finden dürfen.

Umweltschonende Herstellung

Anknüpfend an die bereits erwähnten Management­systeme ist noch ein Umweltmanagementsystem (ISO 14001) sowie ein Energiemanagementsystem (ISO 50001) für die Endmontagestätte vorzuweisen. Neben weiteren Energieeffizienz-Indikatoren werden in diesem Bereich zusätzlich noch der Kohlenstoff-Fußabdruck des Produkts sowie dessen Errechnungs­methode herangezogen.

Grafik Kreislaufwirtschaft
Ein zirkulärer Ansatz: Aus drei wesentlichen Stationen wird die Kreislaufwirtschaft beschrieben: Material und Herstellung, Nutzung und Weiternutzung sowie Recycling und Wiederherstellung. (Bild: TCO Certified)

3) Gesundheit und Sicherheit der Benutzer

Dieser Bereich fasst alle Faktoren zusammen, die sich jeder und jede für den Umgang mit technischen Grä­ten wünscht bzw. die in der EU ohnehin Pflicht sind. Dazu gehören die elektrische Sicherheit, also die Iso­lierung stromführender Teile, der akustische Lärm, der vom Produkt im Betrieb ausgeht, sowie die individuel­le Einstellbarkeit der Nutzenden an die eigenen Be­dürfnisse, z. B. Höhe, Neigung, Helligkeit von Bild­schirmen. Zu diesem Bereich gehört aber auch die Verringerung von elektromagnetischen Wechselfel­dern sowie von elektromagnetischer Energie (sog. SAR-Messung).

4) Produktleistung

Das Produkt soll nicht nur viel leisten, sondern gleich­zeitig auch eine hohe Energie-Effizienz aufweisen. Darüber hinaus müssen weitere Aspekte erfüllt wer­den. Beispiele der verschiedenen Produktkategorien sind u. a. die Bildqualität von Monitoren, möglichst geringe Reflexion des Umgebungslichts bei Tastaturen oder leicht zugängliche Anschlüsse an Computern.

5) Verlängerung der Produktlebensdauer

Um eine Kreislauflösung für Produkte zu ermöglichen bzw. diese möglichst lange zu nutzen, muss u. a. eine mindestens einjährige Produktgarantie vorliegen. Komponenten müssen sich durch Ersatz austauschen lassen. Dazu zählt auch – wenn vorhanden – der Akku. Ersatzteile sowie Wartungsbücher sind infolgedessen vorzuhalten. Steckverbindungen z. B. für Strom oder Daten sollen standardisiert sein. Darüber hinaus sind verschiede Produkttests bzgl. des Herunterfallens, zu niedriger Temperaturen oder Zug- und Biegeversuche standzuhalten.

6) Verringerung gefährlicher Stoffe

Die Produkte müssen ohne Cadmium, Quecksilber oder Blei auskommen. Bei Halogenen ist nur eine ein­geschränkte Nutzung zugelassen. Diese Richtlinien zählen auch für die Verpackungen der Produkte. Die für die Nutzung zugelassenen Stoffe werden auf einer „White List“ geführt. Nur Substanzen, die nachweis­lich nicht schädlich sind, dürfen zum Einsatz kommen. Eine Umkehrung des Prinzips, dass ein Stoff so lange genutzt würde, bis eine schädliche Eigenschaft ent­deckt wird.

7) Materialrückgewinnung

In erster Linie soll die Reduzierung von Materialien im Vordergrund stehen. Nicht wiederverwendbare Mate­rialien z. B. in der Produktverpackung müssen leicht trennbar sein. Für den Elektromüll muss ein Müll-Management vorgewiesen werden, zu dem ein Rück­nahmesystem und eine Recyclingeinrichtung gehört. Hersteller, die in Deutschland Elektrogeräte vertrei­ben, sind darüber hinaus ohnehin verpflichtet, alte Elektrogräte wieder zurückzunehmen und zu entsor­gen (siehe hierzu die EU-Richtlinie WEEE). Dies wird durch die Stiftung Elektro-Altgeräte-Register (EAR) verwaltet und überwacht. TCO Certified achtet zudem noch darauf, dass alle Kunststoffteile, die mehr als 25 Gramm aufweisen, einen Materialcode besitzen. Nur so kann eine Überwachung eines Rückgewinnungs­prozesses realisiert werden.

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Strenge Zertifizierung

Ein wichtiges Unterscheidungskriterium zu anderen Zerti­fizierungssystemen ist, dass bei TCO Certified alle Kriterien in allen Bereichen erfüllt sein müssen. Sobald ein Teilbereich nicht alle Prüfungen besteht, kann keine Zertifizierung er­folgen. Durch vollständig unabhängige Bewertungen und das 10-Augen-Prinzip zählt das Label damit zum Typ 1 Ecolabel – ähnlich wie „Der Blaue Engel“. Bewertung und Überwachung kann hier nicht durch den Hersteller selbst geschehen, sondern wird ausschließlich aus unab­hängigen Quellen realisiert. Dabei werden Prüfstellen, wie z. B. TÜV, ebenfalls regelmäßig überprüft. Einzelne Produk­te können zudem auf die in den Datenblättern beschrie­benen Werte getestet werden. Erbrachte Nachweise, wie z. B. ISO Zertifizierungen dürfen nicht abgelaufen sein. Ein Zertifikat wird für die Dauer von zwei Jahren ausge­stellt, wobei auch Zwischenprüfungen vorkommen kön­nen.

Grafik Prozess der Überprüfung
Prozess der Überprüfung: Mindestens 10 Augen schauen auf die Bewertung, bis ein Produkt final zertifiziert werden kann. (Bild: TCO Certified)

Die Kosten für eine Zertifizierung stellen zwar noch immer eine der größeren Hürden für Hersteller dar, wer­den nach Aussage von TCO Certified aber als gering ein­gestuft. Nach Ablauf der zwei Jahre kann ein TCO Zertifi­kat verlängert werden, dazu fallen nur noch rund 30 % der ursprünglichen Kosten an. Aufgrund ihres Ursprungs aus dem Gewerkschaftsdachverband ist die Organisation nicht an Gewinn, sondern an der Umsetzung von Men­schen- und Umweltgesetzen interessiert.

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TCO Certified für ProAV?

Meiner Meinung nach ist diese Zertifizierung in ihrem Umfang und in ihrer Überzeugung eine wichtige Orientie­rungsmöglichkeit, nachhaltige Produkte zu erkennen. Es wird damit gewährleistet, dass Arbeitnehmerrechte an Produktionsstandorten gewahrt werden, dass Produkte langlebig entworfen und ein Recycling erleichtert wurde. Dabei werden unterschiedliche Strategien entwickelt. So sollen durch eine Zertifizierung keine Fabriken oder Un­terhändler bestraft werden, sondern es werden Anreize geschaffen, zukünftig nachhaltig zu bleiben. Dies gilt nicht nur für Hersteller und Fabriken, sondern auch für die Prüfenden selbst, die sich durch gewissenhafte Be­wertungen oft keine Freunde machen. In ihrem Bezug zur Büroausstattung ist die Zertifizierung noch heute eher ein Bestandteil dessen. Die Produktbereiche werden zwar re­gelmäßig erweitert, allerdings benötigt dies auch Zeit. Die Auswahl von ProAV-Geräten ist damit gering, wenn über­haupt vorhanden. Hierbei kann der Bezug zu der Aussage „Der Markt regelt das“ gezogen werden. Solange es kei­ne Nachfrage zu diesen Produkten gibt, kann es dazu auch keinen eigenen Bereich geben bzw. werden Herstel­ler ihre Produkte nicht zertifizieren. Eine Tatsache, die sich durch den gesamten Prozess zieht. Den Zuschlag zur Pro­duktion erhält oftmals die Fabrik, die am günstigsten pro­duziert. Und dies geht u. a. auf Kosten der Arbeitenden. Wegen dieser geringen Nachfrage auf dem ProAV-Markt haben daher einige Hersteller ihre Produktzertifizierung nicht wieder verlängert. Ein Kreislauf, der unterbrochen werden sollte.

Die wohl für die AV-Branche relevantesten Produktkategorien sind zurzeit Displays, Projektoren, Netzwerk Equipment sowie Server. Über einen „Produktfinder“ können aus den Kategorien einzelne Produkte gezielt gesucht werden. Auch die Möglichkeit zur Benachrichtigung bei neuen zertifizierten Produkten ist gegeben.

Grafik Kategorisierung der Fabriken
Kategorisierung der Fabriken: Je nach Ergebnis und je nach Verbesserung der Bedingungen werden die Fertigungsstandorte nach Kategorien eingeordnet. Kategorie 3 ist die höchste, die eine Fabrik erreichen kann. Jede Fabrik startet dabei in Kategorie 1. Werden Missstände nicht beseitigt, wird eine Fabrik aus der Liste der akzeptierten Fertigungsstellen entfernt. (Bild: TCO Certified)

Eine Ausweitung der Produktbereiche auf Pro-AV-Geräte kann die Verwendung von Produkten und den Wert der Zertifizierung erheblich verbessern. Dazu muss nicht nur die Nachfrage nach zertifizierten Produkten steigen. Ebenfalls können Hersteller auf TCO Certified zugehen und eine Erweiterung der Produktbereiche anregen. Es sollte im Interesse eines jeden Herstellers liegen zu wis­sen, unter welchen Bedingungen Produkte gefertigt wer­den und wo diese herkommen. Es braucht nicht immer ein Zertifikat, um nachhaltig zu sein. Die wesentlichen Fragen können und sollten sich alle stellen sowie Hand­lungs- und Produktionsmuster hinterfragen. Am wirkungs­vollsten sehe ich hier allerdings die Kundennachfrage. Wenn beim Einkauf, in Ausschreibungen und weiteren Anforderungen der Fokus mehr auf Nachhaltigkeit und damit u. a. auch auf Zertifikate gelegt wird bzw. die An­fragen bei Herstellern nach zertifizierten Produkten stei­gen, kann sich auch die Ausbreitung der Zertifikate erhöhen. TCO Certified könnte so ein einheitlicher Maßstab unter ProAV-Produkten werden.

Martin Eichenseder, deutschsprachiger Vertreter von TCO Development
Martin Eichenseder, deutschsprachiger Vertreter von TCO Development. (Bild: Martin Eichenseder)

„TCO Certified ist die weltweit führende Nachhaltigkeitszertifizierung für IT-Produkte. Mit ökologischen und sozialen Kriterien deckt die Zertifizierung den gesamten Lebenszyklus eines Produkts ab. Dies schließt die Verantwortung in der Lieferkette, gefährliche Subs-tanzen und ebenso Kriterien zur Förderung einer Kreislaufwirtschaft mit ein. Als Folge dieses Lebenszyklus-Ansatzes stehen Käufern mehr Produkte zur Verfügung, die im Sinne des Kreislaufgedankens gefertigt wurden“, so Martin Eichenseder, deutschsprachiger Vertreter von TCO Development – martin.eichenseder@tcodevelopment.com.

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Energy Star…

…ist eine ursprünglich US-Amerikanische Auszeichnung von Produkten, die gewissen Kriterien hinsichtlich Ener­gieeinsparung erfüllen. Die Auszeichnung behandelt ne­ben Elektrogeräten u. a. auch energiesparende Gebäude. Im Bereich der Elektrogeräte müssen diese über einen sparsamen Standby-Modus verfügen, der sich nach ei­ner gewissen Zeit ganz automatisch aktiviert. Kritisch ist die Tatsache, dass in den seltensten Fällen die ausge­zeichneten Produkte im Kern überprüft werden.

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SAR

SAR steht für Spezifische Absorptionsrate und meint die Energie, die Masse erwärmen kann. Diese Energie resul­tiert aus der Absorption eines elektrischen Feldes. Bei­spielsweise kann ein Smartphone im Sendebetrieb beim Telefonieren das Gewebe am Kopf erwärmen. Je stärker die Sendeleistung ist, umso stärker kann sich die Masse erwärmen. Der Blaue Engel schreibt eine SAR von max. 0,5 W/kg vor, TCO Certified nennt hier den Wert von 0,8 W/kg. Die Obergrenze wird durch die WHO (Weltge­sundheitsorganisation) mit 2,0 W/kg empfohlen.

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Web-Links

tcocertified.com/de

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