Standard oder Wundertüte?

HDMI 2.0: Mit Kanonen auf Spatzen schießen

HDMI 2.0 scheint im täglichen AV-Betrieb noch nicht angekommen zu sein. Oder doch? Ein Gespräch mit Peter Rieck, Key Account & Distribution Manager, Sommer Cable, über Herausforderungen, Anwendungen und Zielgruppen von HDMI 2.0.

Anzeige

Wann haben Sie begonnen, bei Ihren Produkten von DVI auf HDMI umzustellen?

HDMI und DVI laufen zu großen Teilen parallel. Was aber immer noch eine sehr große Rolle spielt, aber oft verkannt wird, ist der VGA-Standard – also ein analoges Videosignal! Wir haben vor einer Weile eine Hochrechnung gemacht: Das Ergebnis war, dass wir noch immer 50 km VGA-Kabel pro Jahr verkaufen. Man denkt immer, VGA sei tot, aber unsere Zahlen sprechen dagegen.

HDMI-Kabel haben wir schon seit sehr langer Zeit im Sortiment. Dann kommt natürlich auch noch HDBaseT dazu, das dort eingesetzt wird, wo HDMI als Übertragungsmedium an seine Grenzen stößt. Mit den passiven HDMI-Kabeln lassen sich Signalwege bis maximal 15 m Länge realisieren. Danach kommt das HDBaseT-Protokoll zum Zug – ein de-facto-Standard mit den Chipsätzen von Valens, der heute in vielen Installationsprojektoren und -displays implementiert ist. Mit diesem lassen sich längere Übertragungswege realisieren. Diese Produkte waren aber von Anfang an mit HDMI-Schnittstellen ausgestattet.

Peter Rieck, Key Account & Distribution Manager bei Sommer Cable (Bild: D-Kuru/Wikipedia, Sommer Cable)

Wie stehen Sie zu den technischen Anforderungen, die nötig sind, in HDMI 2.0 bei einer Datenrate von 18 Gigabit pro Sekunde 4KSignale mit HDR und unkomprimierter Farbinformation zu übertragen?

Das ist zunächst einmal ganz klar: Diese 18 Gigabit pro Sekunde sind eine ziemliche Herausforderung. Denn 18 Gigabit pro Sekunde bedeuten einen Pixeltakt von 600 MHz. Das heißt, wir haben beim Übergang von HDMI 1.4 auf 2.0 den Pixeltakt, der auf der Leitung stattfindet, einfach verdoppelt – vorher waren es 300 MHz. Wenn man sich im Ethernet-Bereich umschaut, ist es so, dass wir im Moment bei 250 MHz bei einer 10-Gbit-Datenübertragung sind. Infolgedessen kann man sich ungefähr vorstellen, was es bedeutet, 600 MHz über diese Leitung zu übertragen.

Das ist eine enorme Herausforderung in allen Belangen – Steckverbinder, Leitungssymmetrie, Verarbeitung, Schirmung und dann natürlich ganz einfach die Querschnitte und Qualitäten. Das alles fließt dort mit hinein. Die Zeiten, in denen man ein Signal passiv über Strecken von 15 m übertragen konnte, sind bei dieser geforderten Bandbreite auf jeden Fall vorbei.

Die beiden einzigen bedeutenden Chipsatzhersteller für die Kabelequalizer, die im Prinzip in allen aktiven Kabeln enthalten sind, geben sich momentan größte Mühe, ihre Produkte kompatibel und tauglich zu bekommen. Denn die Ausfallquote ist noch relativ hoch. Man kann nicht unbedingt sagen, dass ich jenes Kabel mit jenem Chipsatz an jeder beliebigen Senke oder Quelle anschließen kann. Das funktioniert leider noch nicht zwangsläufig.

Das sind ja nicht ganz unerhebliche Probleme, wenn man eine feste Verkabelung in beispielsweise einem Konferenzraum realisieren möchte. Muss man denn tatsächlich in solchen Räumen diese Bandbreiten bereitstellen?

Dabei geht es ja weniger um die Frage, ob man dort einen 4K-Monitor aufhängen muss. 4K selbst war ja schon mit HDMI 1.4b möglich. Letztlich muss man sich überlegen, ob man 4K-Monitore mit HDR-Content benötigt und ein Signal ohne Chroma-Subsampling mit verringerter Farbtiefe wie bei HDMI 1.4. Wenn man unsere Zielgruppe für Konferenzräume, Schulinstallationen oder öffentliche Bereiche ins Auge fasst, dann stelle ich die Behauptung auf, dass genau diese Zielgruppe eben kein HDR braucht.

Das geht aber noch etwas tiefer: Gibt es überhaupt zugängliches Quellmaterial? Native 4K-Blue-ray-Discs gibt es erst eine Handvoll, aber ob die dann auch für HDR aufbereitet sind, ist die Frage. Definitiv funktioniert 4K im Moment bei den Streaming-Anbietern. Da läuft aber auch ein Codex im Hintergrund, der das Material komprimiert und dann wieder dekomprimiert. Man kann eben keine 18 Gigabit pro Sekunde über einen DSL- Anschluss übertragen.

Wenn man das ein wenig zuspitzt, klingt das so, als wäre HDMI 2.0 eine riesige Kanone, mit der die HDMI-Organisation auf sehr kleine Spatzen schießt. Würden Sie diese Einschätzung teilen?

Zielgruppenbezogen kann man das gleichzeitig mit ja und nein beantworten. Der ambitionierte Heimkino-Anwender, der bereit ist, viel Geld für einen Projektor auszugeben, wird sicherlich davon profitieren. In unserem Bereich – und dazu zähle ich neben den schon eben genannten Anwendungen jetzt auch noch das Live-Entertainment, mobile Veranstaltungstechnik und Verleiher – ist abzusehen: Das sind nicht die Kunden, die HDMI 2.0 und die damit verbundenen riesigen Bandbreiten wirklich brauchen.

Im Bereich des Verleihs tauchen zwar jetzt die ersten 4K-Projektoren auf. Aber die meisten Flaggschiffe der Anbieter, also die leistungsstarken Geräte mit 20.000 ANSI-Lumen, sind alle Full-HD- oder maximal WUXGA-Projektoren. Und die 1.920 × 1.200 Bildpunkte von WUXGA sind ja auch die maximale Auflösung, die man mit DVI übertragen kann.

Das heißt, HDMI 2.0 ist im täglichen Betrieb noch nicht angekommen?

Das kann man durchaus so sagen. Die Endgeräte, die für erweiterte Temperaturbereiche und 24/7-Dauerbetrieb ausgelegt sind und die eben im professionellen Bereich gebraucht werden, bewegen sich noch nicht auf diesem Standard. Das sehen wir auch an den Anfragen für feste Installationen, die wir bekommen. Das meiste ist noch immer Full-HD.

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: